12.03.2026: Riga – Tallinn

Dieser Tag sollte erneut ein Reisetag sein – und zwar vorerst der letzte per Bahn. Morgens im Frühstückssaal liefen auf den Bildsschirmen erneut animierte Motive, auch sie zeigten Jugendstilhäuser und bunte Schmetterlinge, nur war im Hintergrund nicht der Eiffelturm, sondern diesmal der Pariser Triumphbogen zu sehen – aber schon wieder keine Sehenswürdigkeit aus Riga.

Ich hatte vor meiner Abfahrt kurz vor 12:00 Uhr noch ein wenig Zeit und beschloss, im angrenzenden Einkaufszentrum eine Drogerie aufzusuchen, denn ich hatte mir am gestrigen Tag an beiden Füßen ordentliche Blasen gelaufen, warum auch immer, schließlich war ich auch schon vorher jeden Tag längere Strecken zu Fuß unterwegs. In einer lokalen Drogeriekette „Drogas“ machte ich eine interessante Entdeckung: Das dortige Produktsortiment beinhaltete auch die Rossmann-Hausmarke „Isana“. So kaufte ich mir eine Packung Blasenpflaster „Fußwohl“. Ich recherchierte später während der Zugfahrt und fand heraus, dass Rossmann keine Anteile an der Kette besitzt, sondern dass sie im Besitz eines Investors aus Hongkong ist.

Der Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof verkaufte wieder alkoholische Getränke, sodass ich mir zwei Flaschen Valmiermuiža als Souvenir zulegen konnte. Ich hatte außerdem vage überlegt, Graue Erbsen mit Speck für den Abend zu kaufen, da mir ein weiterer Tag in Tallinn für den Besuch eines Restaurants blieb und mein Speiseplan am Tag zuvor ja leider erfolglos war. Auf dem Weg zum Supermarkt kam ich an zwei weiteren Lido-Filialen vorbei, aber auch die hatten sie nicht im Sortiment. Im Supermarkt suchte ich also zunächst bei den zubereiteten Speisen und anschließend – dann nur noch aus Neugier – sogar bei den Konservendosen nach Grauen Erbsen – vergeblich. Ich fragte mich, warum man einem Land solch eine Spezialität zuschreibt, wenn man sie fast nirgendwo bekommen kann. Noch vor Ort schaute ich per Handy im Internet, ob es Graue Erbsen im Falle eines späteren dringenden Bedarfs auch in Deutschland zu kaufen gibt, und ich staunte nicht schlecht: Ich las im entsprechenden Artikel bei Wikipedia, dass Graue Erbsen eine Spezialität vorrangig aus Elmshorn seien, die dort am Faschingsdienstag gegessen wird und die früher auch mal in Ostpreußen bekannt gewesen sei. Offensichtlich war mein Reiseführer völlig veraltet und ich dachte kurz darüber nach, in einem der nächsten Jahre eine Bahnreise im Februar nach Elmshorn zu planen, um dort das ehemalige lettische Nationalgericht zu probieren.

Das Ticket für die Zugfahrt hatte ich online vor einer Woche in Warschau gebucht, denn früher ist es für die Züge der estnischen Zuggesellschaft Elron nicht möglich. Die Route sah vor, dass ich von Riga bis zur Grenzstadt Valga mit einem lettischen Zug fahren und dort in einen estnischen umsteigen müsste. Im pdf-Dokument war unten zudem ein Hinweis zu lesen mit der Bitte, sich an einen Servicemitarbeiter der lettischen Zuggesellschaft zu wenden, um für den ersten Teil der Reise ein kostenloses Ticket ausgestellt zu bekommen. Am Fahrkartenschalter in Rigas Hauptbahnhof scheiterte ich allerdings mit meinem Anliegen. Mir wurde dort mitgeteilt, dass ich eine Fahrkarte schon kaufen müsse und nicht einfach bekommen könne. Den per Smartphone ins Lettische übersetzten Abschnitt las die Mitarbeiterin zwar, aber sie verwies mich anschließend an einen Serviceschalter in der nächsten Halle. Dort geschah exakt das Gleiche. In der dritten Halle des Bahnhofs ging ich dann zu einem Infostand – und der kompetente Mitarbeiter konnte mich beruhigen: Mit dem Servicemitarbeiter sei der Schaffner im Zug gemeint, ich könne also einfach einsteigen.

Die Fahrpläne der baltischen Staaten sind erst seit ca. anderthalb Jahren so abgestimmt, dass man bequem international reisen kann.

Im Gegensatz zu meinen vorherigen Fahrten in den baltischen Staaten war der Ausblick aus dem Fenster diesmal ein völlig anderer: Es war zwar bedeckt und nicht mehr sonnig, vor allem aber war die verbleibende Schneedecke außerhalb der Städte innerhalb der letzten 48 Stunden komplett geschmolzen. Bis auf ein paar Resthaufen rückte also auch hier wie schon in Deutschland zwei Wochen zuvor der Winter langsam in den Hintergrund.

Der Grenzübergang geschah diesmal ohne einen hörbaren Unterschied auf den Gleisen und der Umstieg in Valga verlief problemlos. Ich konnte bei der Weiterfahrt ein letztes Mal die Geräumigkeit der Züge russischer Spurbreite erleben, denn in jeder Reihe gab es sogar Platz für fünf Sitze. Die englischen Durchsagen des estnischen Personals verdeutlichten mir, dass die Sprache recht wenig mit den beiden anderen des Baltikums zu tun hat – ich vernahm ein Stakkato und gleichzeitig einen „Singsang“ in der Sprechweise, die mich an frühere Unterhaltungen mit finnischen Wissenschaftlern während eines europäischen Forschungsprojekts erinnerte.

Der geräumige Zug der estnischen Zuggesellschaft Elron

Den Rest der Fahrt verbrachte ich unter anderem wie schon seit Beginn meiner Bahnreisen mit der Programmierung eines Lösers des Solitaire-Murmelspiels – denn er ist auch nach 11 Jahren noch immer nicht fertig; kein Wunder, wenn ich nur alle paar Jahre immer ein paar Stunden Zeit dafür spendiere. Und ich las ein paar private E-Mails, auch wenn ich mit Ernüchterung festgestellt habe, dass gerade in den letzten Tagen die Anzahl an Spam-Nachrichten zugenommen hat, auch in Form von SMS und anonymen Anrufen auf meinem Handy (die ich abgewiesen habe). Ich fand in meiner Inbox ca. 10 Phishing-E-Mails, die eine komplette angebliche Verkaufstransaktion eines von mir bei kleinanzeigen.de eingestellten Campingzelts abbildeten, inklusive E-Mails von unterschiedlichen Interessenten vorher mit der Frage, ob es noch zu haben sei und der Aufforderung in den letzten E-Mails, ich müsse für die finanzielle Abwicklung nur irgendwas ganz einfach durch Klicken bestätigen.

Durch die späte Abfahrt aus Riga und die lange Fahrt kam ich erst gegen frühen Abend in Tallinn an. Auf dem Weg zum Hotel fielen mir zwei Dinge auf – zum einen die mittelalterliche Altstadt zu meiner Linken, die ich plante, am kommenden Tag zu besuchen, zum anderen die plötzlich auf dem Gehweg erscheinenden Roboter, die hier rollenderweise Essen ausliefern. Ich hatte schon vorher gelesen, dass Estland derzeit mit zur digitalen Speerspitze Europas gehört, aber hier sah ich in der Tat einen Beweis dafür. Auch, wenn die Dinger schon echt cool sind, finde ich weiterhin, dass der Bürgersteig in erster Linie den Bürgern vorbehalten sein sollte, auch wenn ich vielleicht ein wenig altmodisch bin und bei der Vorstellung von zu vielen Robotern auf dem Gehweg auch an seltsame Straßenoptik und Stolperfallen denke. Und bis Essensroboter eingebürgert werden, dauert es vermutlich noch (glücklicherweise) ein wenig. Vermutlich wird es so sein, wie mit den E-Scootern: wenn sie der Allgemeinheit zu viel werden, wird man sie schon einschränken.

Sie flitzen über den Bürgersteig, warten an der Ampel und weichen aus: Roboter, die Essen ausfahren. Noch sind es wenige.

Mein Hotel in Tallinn hatte ich bei booking.com vor zwei Tagen storniert und gleich danach auf der gleichen Plattform zu gut der Hälfte des Preises erneut gebucht. Diese Unterkunft hatte gleich mehrere Saunen und sogar ein Schwimmbad. Die finnische Sauna ging seltsamerweise direkt vom Bereich der Herrenduschen ab, aber ich ahnte kurze Zeit später, warum: Es herrschten 100°C und die anderen Besucher nahmen es sportlich, denn alle zwei Minuten kippten sie erneut mehrere Kellen Wasser auf den Ofen. Der Raum war nicht sonderlich groß und so verwandelten sich meine Blasen an den Füßen innerhalb von Sekunden gefühlt zu Brandblasen, selbst das trockene Handtuch wurde mir zu heiß. Ich verstand, warum die anderen Gäste ihre Badelatschen noch anhatten und die Füße nicht herausnahmen, um ihre kühle Temperatur zu bewahren. Das tat ich beim nächsten Mal auch und ich hatte das Gefühl, dass sie plötzlich angenehm weich wurden.

Die Sauna öffnet morgens um 09:00 Uhr.

Veröffentlicht am
Kategorisiert als 2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert