Meinen Tag in Tallinn begann ich wie am Abend zuvor geplant mit dem Besuch der an diesem Tag 10°C kühleren Sauna. Es war noch relativ leer und ich bekam nur Besuch von einem weiteren Gast, der allerdings mit einem Plastikbecher voller Bier in der Hand die Kabine betrat – und das um ca. 10:00 Uhr morgens.
Total entspannt und schon fast ein wenig müde machte ich mich anschließend auf den Weg in die Altstadt und war überrascht, wie gut sie erhalten war – inklusive der langen Stadtmauer und ihren Wehrtürmen. Direkt neben ihr befand sich der Domberg, der zwei Kirchen und viele alte Häuser beherbergte. Es war noch nicht sehr viel los und so schlenderte ich die Gassen entlang, bis ich ein paar mehr Touristen sah, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen aber so schienen, als hätten sie ein gemeinsames Ziel. Es war in der Tat ein Aussichtspunkt neben dem Regierungssitz, von dem aus man einen sehr schönen Blick auf die unten liegende Altstadt hatte, mit Kirchtürmen und alten Häusern im Vordergrund – und vielen neuen teils noch im Bau befindlichen Hochhäusern in den Geschäftsvierteln im Hintergrund.
Unten in der Altstadt legte ich in einer „Caffeine“-Filiale eine Pause für ein spätes Frühstück ein und buchte dort die Fähre für die ca. zwei Stunden dauernde Überfahrt nach Helsinki am kommenden Tag. Auch für den letzten Teil meiner Reise hat sich die Wettervorhersage verbessert, so dass ich beschloss, gegen frühen Nachmittag in Tallinn aufzubrechen, um noch bei Tageslicht in Helsinki einzutreffen – ohne den noch von vor ein paar Tagen angekündigten Regen. Ich war erstaunt, denn bei der Wahl des Tickets hatte ich sogar die Möglichkeit, für den dreifachen Preis eine Kabine zu buchen, und ich las den Hinweis, dass nur noch zwei verfügbar wären.

Nach Lektüre meines Reiseführers beschloss ich, meinen Rundgang entlang der Pikk-Straße fortzusetzen. Auf meinem Weg entdeckte ich wieder alte Schilder an den Mauern in deutscher Sprache und dem Namen „Reval“ statt Tallinn. Direkt gegenüber des ältesten Cafés der Stadt sah ich eine Polizeistreife und einen per Barrikaden abgesperrten Teil des Bürgersteigs. Anhand der Flagge über dem Eingang erkannte ich, dass es sich um die Botschaft Russlands handelte und auf den vielen an den Barrikaden angebrachten Plakaten davor war die Botschaft Estlands bzw. ihrer Einwohner an die Politik zu lesen, die Ukraine zu unterstützen.

Ein paar Häuser weiter befand sich das Gildehaus, und ich beschloss spontan, das sich in diesem Gebäude befindende Museum zu besuchen. Es berichtete von der Zeit als Hansestadt in der frühen Neuzeit, die der Stadt zu Wachstum und Wohlstand verholfen hat, aber auch dafür sorgte, dass der Deutsche Orden hier an Macht gewann. Im ersten Raum ging es aber – wie schon im Okkupationsmuseum Rigas – um die Besatzungszeit Estlands zwischen dem zweiten Weltkrieg und 1991 und ich hatte den Eindruck, als hätten auch die Esten ein Bedürfnis, diese Zeit der Öffentlichkeit zu dokumentieren, auch wenn sie nicht zum Schwerpunkt des Museums passte.
Wieder draußen und ein paar Straßen weiter fand ich einen Zugang zur Stadtmauer durch ein Café hindurch und beschloss sie zu besteigen, um noch ein paar Blicke auf die Stadt werfen zu können. Ich hatte morgens entschieden, statt meinen Outdoorstiefeln Laufschuhe zu tragen, um meine Füße zu schonen. In der Tat spürte ich die Blasen des Vortags gar nicht mehr und fühlte mich so ermutigt, noch ein wenig weiter zu gehen.
Mein Weg führte mich aus der Altstadt hinaus zur Lehmpforte, einem der bekanntesten Stadttore Tallinns. Eigentlich wollte ich dort ein stilvolles Foto der alten Gemäuer machen, aber es gelang mir nicht ganz, weil ein als Papagei verkleideter Mann pausenlos zwischen der einen und der anderen Seite entlang marschierte und Flugzettel an Passanten verteile. Ich nahm an, dass er dort noch länger bleiben würde und ging deshalb weiter in Richtung Stadtstrand, zunächst an einigen Einkaufszentren vorbei und dann an schönen Holzhäusern. Der Strand befindet sich ein paar hundert Meter entfernt von einem der Fährterminals und ich wagte dort einen weiteren Versuch, Bernstein zu finden. Leider entpuppten sich die orangenen, gelblichen und bräunlichen Teile alle als Plastikmüll und ich gab auf. Nur unweit vom Strand lag der Katharinen-Park, der Stadtpark Tallinns, in dem sich unter anderem der Präsidentenpalast befindet. Ich orientierte mich und sah einen Wegweiser zum japanischen Garten, fand aber dann dort durch eine Absperrung heraus, dass er noch saisonal geschlossen war. Der Park war dennoch nett angelegt und ich entdeckte fast wie ein Kunstwerk viele Schneehaufen zwischen den Bäumen, die in den nächsten Tagen verschwunden sein würden.
Wieder im Hotel angekommen, wollte ich nach einer Pause anschließend in der Stadt etwas essen. Hier in Tallinn gehören offenbar auch Pelmeni zu den Spezialitäten, sie sind russischen Ursprungs und entsprechen in etwa den polnischen Piroggen. Viele Restaurants schienen sie aber nur tagsüber in Food-Courts anzubieten. Eine Alternative wäre ein mittelalterliches Restaurant gewesen – laut Beschreibung im Internet hätte es dort Tonkrüge, Elchsuppe und extra unfreundliche, mittelalterlich gekleidete Mitarbeiter an den Essensständen gegeben. Mit mehreren Leuten gemeinsam vor einigen Jahren wäre das bestimmt ganz lustig gewesen, aber so fiel meine Wahl letztendlich auf ein Pfannkuchenhaus in der Innenstadt.

Ich hatte an diesem Tag übrigens wieder einen Essenskurier der Firma Bolt sehen können, diesmal aber nicht in Form eines Roboters, sondern eines Radfahrers und war ein wenig beruhigt. Vielleicht lag es am Kopfsteinpflaster in der Altstadt.



