Mein zweiter Morgen in Tallinn begann wie mein vorheriger und ich suchte ein letztes Mal dort die Sauna auf. Wieder war der Mann vom vorherigen Tag da und auch an diesem hatte er einen gefüllten Trinkbecher mit. Später sah ich ihn im Bademantel auf einer Liege am Pool ebenfalls mit Becher in der Hand und ich fragte mich ernsthaft, ob er ohne ihn sorgenfrei leben könne. Am Abend zuvor hatte ich bereits gesehen, dass die männlichen Besucher der heißen Sauna einige Tricks gegen die hohen Temperaturen dort hatten: Sie nutzten dafür das Becken mit dem Eisschnitzeln im Bereich davor – einerseits, um darin ihre Getränkedosen zu kühlen, andererseits um Eis mit in die Sauna zu nehmen, ein Häufchen auf der Bank zu formen und sich anschließend mittig mit ihrer Badehose darauf zu setzen. Das sah recht komisch aus, in meinem Fall tat ein Handtuch den gleichen Zweck.

Bis zur Abfahrt meiner Fähre hatte ich noch ein wenig Zeit und ich nutzte sie, um den Teil des Tallinner Stadtmuseums zu besuchen, der in einem Kanonenturm mit dem plattdeutschen Namen „Kiek in de Kök“ untergebracht war und nicht weit entfernt meines Hotels lag. Neben Ritterrüstungen und anderen Details konnte ich vom Turm noch einmal einen Blick auf den Domberg mit seinen zwei Kirchen werfen. Der zweite Teil der Ausstellung beinhaltete den Besuch des Bastionstunnels. Es wirkte ein wenig gespenstisch, denn ich war darin offenbar der erste Gast des Tages, hatte das Museum doch erst ein paar Minuten zuvor für den Tag geöffnet. Bei düsterer Stimmung mit Klangeffekten und Beleuchtung in unterschiedlichen Farben warteten in mehreren Räumen des Tunnels eingekleidete Puppen, die seine unterschiedliche Nutzung verdeutlichen wollten – so wurde er teilweise als Bunker genutzt, teils diente er Soldaten als Weg, auf dem sie unerkannt blieben, und in den 80er Jahren trafen sich dort Punks. Die Sanierung und Integration in das Museum lagen erst ein paar Jahre zurück.

Mit meinem Gepäck machte ich mich anschließend auf den Weg durch die Altstadt zum Fährterminal und ging kurze Zeit später an Bord der Fähre namens „MegaStar“ mit Ziel Helsinki. Ich fragte mich, wann ich zuletzt auf einem so großen Schiff war, und mir fiel ein Tagesausflug von Tarifa nach Tanger im Jahr 2011 ein – es war also schon ganz schön lange her. Ich hätte einfach als blinder Passagier mitfahren können, denn ich musste nicht meine Bordkarte vorzeigen, so wie auch die anderen Fahrgäste nicht. Obwohl wir laut Plan um 13:30 Uhr hätten ablegen sollen, setzte sich die Fähre bereits eine Viertelstunde vorher in Bewegung, also nur ein paar Minuten nach Ende des Boardingzeitraums.

Die Überfahrt verlief ruhig und ich konnte draußen noch ein paar letzte kleine Eisschollen im Meer sehen und drinnen viele Passagiere, die sich Bier im Restaurant bestellten oder in dem riesigen über zwei Decks reichenden Duty-Free-Shop an Bord einkauften, viele vor allen Dingen Alkohol: Eine Gruppe Jugendlicher transportierte ihre Bierpaletten sogar auf mehreren Sackkarren. Mir hatte bereits ein Kollege erzählt, dass aufgrund der hohen Steuern in Finnland die Einwohner Helsinkis sich gerne ihren Alkohol in Estland kaufen. Ich besuchte das Einkaufsparadies ebenfalls bei einem Gang an Deck, aber ich fand, dass die Waren dort nicht sonderlich günstig waren.
Kurz vor Helsinki häuften sich die Eisschollen und beim Passieren der vorgelagerten Inseln fuhren wir durch Packeis. In meinem Hotel angekommen, ließ ich nur kurz mein Gepäck auf dem Zimmer, denn ich wollte vor Sonnenuntergang noch ein wenig die Innenstadt besichtigen. Mein erstes Ziel waren die alten Markthallen an einem anderen Teil des Hafens. Statt frischen Dingen wie Obst und Gemüse gab es dort ausschließlich Wurst-, Fisch- und Essensstände – es war also eher ein Food Court. Die Spezialität dort sollte Lachscremesuppe sein, aber sie kostete dort überall 14,50 Euro, was ich etwas viel fand. Ich entdeckte bei einem asiatischen Stand ein deutlich günstigeres Rentier-Baguette und langte zu. Draußen musste ich allerdings feststellen, dass der Koch ein wenig geschummelt hatte, denn das Innere des Baguettes bestand aus Mayonnaise und Chinakohl, nur oben gab es eine dünne Schicht Rentierschinkenwürfel, und die hatte mir der Verkäufer noch schnell mit Röstzwiebeln aufgepeppt.

Hatte ich mich noch an Board gefragt, wie Helsinki mangels einer mittelalterlichen Altstadt wohl aussehen könnte, so wurde ich positiv überrascht: Es gab viele Häuser aus der Jugendstilzeit und ich sah viele große Fenster mondäner Cafés.
Ein wenig später kam ich am Hauptbahnhof vorbei und wollte ein Experiment wagen: Ich wollte mir ohne Smartphone eine Fahrkarte für den nächsten Tag kaufen, denn von dort aus fuhr mein Zug zum Flughafen. An den Gleisen fand ich tatsächlich die Fahrpläne der lokalen Züge und konnte herausfinden, wann und wo ich losfahren musste. In der Bahnhofshalle gab es allerdings keinen Fahrkartenschalter und nach längerem Suchen fand ich genau zwei grüne gelangweilte Fahrkartenautomaten in einer Ecke stehen. Sie boten allerdings nur Tickets für Fernzüge an und wiesen mich an, für Nahverkehrskarten bitte die blauen Automaten zu nutzen. Die fand ich im gesamten Bahnhof nicht, dafür in der Kelleretage eines benachbarten Einkaufszentrums, die einen Zugang zur Metro hatte. Immerhin wusste also, wo ich am kommenden Tag hingehen könnte, denn die Tickets kann man nicht im Voraus lösen.

Abends entschied ich mich für den Besuch eines all-you-can-eat-Sushi-Restaurants unweit meines Hotels, was nur minimal teurer war als die Fischsuppe am Hafen; nach den vielen gescheiterten Anläufen der letzten Tage auf der Suche nach lokalen Köstlichkeiten beschloss ich, mit der Identifizierung finnischer Spezialitäten heute keine Zeit zu verbringen.

