15.03.2026: Helsinki – Hamburg

Der letzte Tag meiner Reise begrüßte mich erneut mit Sonnenschein. Ein letztes Mal besuchte die Sauna meines Hotels, denn die war am Wochenende auch vormittags geöffnet. Nun liegt es mir fern, all meine Saunabesuche einzeln aufzuzählen, aber es gibt immer wieder Details, die mir aufgefallen sind: An diesem Tag war es die Ausstattung der Herrenduschen, in denen es nicht nur Duschgel und Shampoo gab, sondern auch Conditioner. Ich fragte mich, ob es in Finnland so viele langhaarige Heavy-Metal-Fans gibt, die für ihre Haarpflege auch Conditioner brauchen.

Da mein Rückflug erst am Nachmittag stattfand, konnte ich noch ein wenig durch die Stadt spazieren. Ich entdeckte schöne Parks, stellte fest, dass viele Ecken nahe der Innstadt so dicht am Wasser liegen, dass man mal eben schnell zum Strand gehen kann. Auch hat Helsinki eine Art Alster, einen zentralen See in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs mit angrenzenden Parkanlagen, die von vielen Leuten durchjoggt werden.

Ich holte anschließend mein Gepäck vom Hotel ab und begab mich auf den Weg zum Bahnhof. Den blauen Ticketautomaten fand ich später doch direkt neben den ein wenig abseits liegenden Gleisen des ÖPNV. In Bar bezahlen ging allerdings ebensowenig wie an dem, den ich am Vortag fand. Wenig später war ich am Flughafen und gab meinen Koffer an einem „Baggage Drop“-Automaten ab und ging durch die Security. Ich sah zum ersten Mal, dass am Flughafen CT-Scanner für das Gepäck installiert waren und keine Personen mehr daneben vor dem Bildschirm saßen, um nach gefährlichen Gegenständen zu suchen. Entweder geschieht das wohl wie in der medizinischen Radiologie in anderen Räumen, oder diese Aufgabe übernehmen mittlerweile KI-Algorithmen – oder beides.

Während der Wartezeit zum Boarding dachte ich über vergangene und noch kommende Reisen durch Europa nach und stellte fest, dass es noch zwei mir noch fremde Länder ohne eine amtliche aktuelle Reisewarnung gibt, in die man per Bahn reisen kann. Grund also, diese Serie noch fortzuführen.

Mein diesjähriges Fazit:

  • Die Fahrt ins Baltikum hat mir die Augen geöffnet hinsichtlich der langen recht eng verbundenen Vergangenheit mit dem damaligen Deutschland.
  • Es freute mich, in diesem Jahr so unkompliziert per Bahn ins Baltikum reisen zu können. Noch vor einigen Jahren, als ich bereits nach einer Route schaute, liefen Bahnverbindung zwischen Polen und Litauen noch durch Belarus, ein paar Jahre später gab es nur eine wöchentliche Verbindung.
  • Von manchen Gewohnheiten, die man ein Leben lang für unveränderlich gehalten hat, musste ich mich trennen, beispielsweise von der Annahme, dass Hotelzimmer täglich gereinigt werden; die Zeiten sind wohl langsam vorbei.
  • Ich hatte unheimliches Glück mit dem Wetter. Es war nur an einem Tag bedeckt mit Nieselregen am Nachmittag und zu der Zeit saß ich im Zug. Ansonsten herrschte täglich Kaiserwetter.
  • Der Stil in der finnischen Sauna, alle paar Minuten ein bis zwei Kellen voll Wasser auf den Ofen zu schütten und so immer wieder für einen kleinen Dampfkick zu sorgen, gefiel mir.

…und dann war da noch:

  • …der Intercity nach Vilnius, in dem die Gepäckablagen bereits mit Osternestern und Hasen geschmückt waren.
  • …der alte Mann, der mit seinem Bahnticket auf dem Bahnhof in Warschau nach dem Gleis Nummer 2 fragte, aber auf seinem Ticket immer auf ein Zeichen mit der zweiten Klasse zeigte. Die Nummer des Bahnsteigs konnte ich auf der Fahrkarte nicht entdecken, dafür die Abfahrtszeit: 8:44 Uhr. So fragte der Mann weiter freundlich und erfolglos andere Leute, bis es bereits 08:50 Uhr war. Er tat mir ein wenig leid.
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14.04.2026: Tallinn – Helsinki

Mein zweiter Morgen in Tallinn begann wie mein vorheriger und ich suchte ein letztes Mal dort die Sauna auf. Wieder war der Mann vom vorherigen Tag da und auch an diesem hatte er einen gefüllten Trinkbecher mit. Später sah ich ihn im Bademantel auf einer Liege am Pool ebenfalls mit Becher in der Hand und ich fragte mich ernsthaft, ob er ohne ihn sorgenfrei leben könne. Am Abend zuvor hatte ich bereits gesehen, dass die männlichen Besucher der heißen Sauna einige Tricks gegen die hohen Temperaturen dort hatten: Sie nutzten dafür das Becken mit dem Eisschnitzeln im Bereich davor – einerseits, um darin ihre Getränkedosen zu kühlen, andererseits um Eis mit in die Sauna zu nehmen, ein Häufchen auf der Bank zu formen und sich anschließend mittig mit ihrer Badehose darauf zu setzen. Das sah recht komisch aus, in meinem Fall tat ein Handtuch den gleichen Zweck.

Der Blick vom Turm „Kiek in de Kök“ zum Domberg

Bis zur Abfahrt meiner Fähre hatte ich noch ein wenig Zeit und ich nutzte sie, um den Teil des Tallinner Stadtmuseums zu besuchen, der in einem Kanonenturm mit dem plattdeutschen Namen „Kiek in de Kök“ untergebracht war und nicht weit entfernt meines Hotels lag. Neben Ritterrüstungen und anderen Details konnte ich vom Turm noch einmal einen Blick auf den Domberg mit seinen zwei Kirchen werfen. Der zweite Teil der Ausstellung beinhaltete den Besuch des Bastionstunnels. Es wirkte ein wenig gespenstisch, denn ich war darin offenbar der erste Gast des Tages, hatte das Museum doch erst ein paar Minuten zuvor für den Tag geöffnet. Bei düsterer Stimmung mit Klangeffekten und Beleuchtung in unterschiedlichen Farben warteten in mehreren Räumen des Tunnels eingekleidete Puppen, die seine unterschiedliche Nutzung verdeutlichen wollten – so wurde er teilweise als Bunker genutzt, teils diente er Soldaten als Weg, auf dem sie unerkannt blieben, und in den 80er Jahren trafen sich dort Punks. Die Sanierung und Integration in das Museum lagen erst ein paar Jahre zurück.

Der Bastionstunnel – in unterschiedlichen Abschnitten unterschiedlich farbig beleuchtet.

Mit meinem Gepäck machte ich mich anschließend auf den Weg durch die Altstadt zum Fährterminal und ging kurze Zeit später an Bord der Fähre namens „MegaStar“ mit Ziel Helsinki. Ich fragte mich, wann ich zuletzt auf einem so großen Schiff war, und mir fiel ein Tagesausflug von Tarifa nach Tanger im Jahr 2011 ein – es war also schon ganz schön lange her. Ich hätte einfach als blinder Passagier mitfahren können, denn ich musste nicht meine Bordkarte vorzeigen, so wie auch die anderen Fahrgäste nicht. Obwohl wir laut Plan um 13:30 Uhr hätten ablegen sollen, setzte sich die Fähre bereits eine Viertelstunde vorher in Bewegung, also nur ein paar Minuten nach Ende des Boardingzeitraums.

Schon wird die Altstadt im Hintergrund immer kleiner: Blick von der Fähre ein paar Minuten nach dem Ablegen in Tallinn

Die Überfahrt verlief ruhig und ich konnte draußen noch ein paar letzte kleine Eisschollen im Meer sehen und drinnen viele Passagiere, die sich Bier im Restaurant bestellten oder in dem riesigen über zwei Decks reichenden Duty-Free-Shop an Bord einkauften, viele vor allen Dingen Alkohol: Eine Gruppe Jugendlicher transportierte ihre Bierpaletten sogar auf mehreren Sackkarren. Mir hatte bereits ein Kollege erzählt, dass aufgrund der hohen Steuern in Finnland die Einwohner Helsinkis sich gerne ihren Alkohol in Estland kaufen. Ich besuchte das Einkaufsparadies ebenfalls bei einem Gang an Deck, aber ich fand, dass die Waren dort nicht sonderlich günstig waren.

Kurz vor Helsinki häuften sich die Eisschollen und beim Passieren der vorgelagerten Inseln fuhren wir durch Packeis. In meinem Hotel angekommen, ließ ich nur kurz mein Gepäck auf dem Zimmer, denn ich wollte vor Sonnenuntergang noch ein wenig die Innenstadt besichtigen. Mein erstes Ziel waren die alten Markthallen an einem anderen Teil des Hafens. Statt frischen Dingen wie Obst und Gemüse gab es dort ausschließlich Wurst-, Fisch- und Essensstände – es war also eher ein Food Court. Die Spezialität dort sollte Lachscremesuppe sein, aber sie kostete dort überall 14,50 Euro, was ich etwas viel fand. Ich entdeckte bei einem asiatischen Stand ein deutlich günstigeres Rentier-Baguette und langte zu. Draußen musste ich allerdings feststellen, dass der Koch ein wenig geschummelt hatte, denn das Innere des Baguettes bestand aus Mayonnaise und Chinakohl, nur oben gab es eine dünne Schicht Rentierschinkenwürfel, und die hatte mir der Verkäufer noch schnell mit Röstzwiebeln aufgepeppt.

Zubereitetes Essen, Wurst, Fisch und Rentiergeweihe (und -felle) kann man in der alten Markthalle Helsinkis kaufen

Hatte ich mich noch an Board gefragt, wie Helsinki mangels einer mittelalterlichen Altstadt wohl aussehen könnte, so wurde ich positiv überrascht: Es gab viele Häuser aus der Jugendstilzeit und ich sah viele große Fenster mondäner Cafés.

Ein wenig später kam ich am Hauptbahnhof vorbei und wollte ein Experiment wagen: Ich wollte mir ohne Smartphone eine Fahrkarte für den nächsten Tag kaufen, denn von dort aus fuhr mein Zug zum Flughafen. An den Gleisen fand ich tatsächlich die Fahrpläne der lokalen Züge und konnte herausfinden, wann und wo ich losfahren musste. In der Bahnhofshalle gab es allerdings keinen Fahrkartenschalter und nach längerem Suchen fand ich genau zwei grüne gelangweilte Fahrkartenautomaten in einer Ecke stehen. Sie boten allerdings nur Tickets für Fernzüge an und wiesen mich an, für Nahverkehrskarten bitte die blauen Automaten zu nutzen. Die fand ich im gesamten Bahnhof nicht, dafür in der Kelleretage eines benachbarten Einkaufszentrums, die einen Zugang zur Metro hatte. Immerhin wusste also, wo ich am kommenden Tag hingehen könnte, denn die Tickets kann man nicht im Voraus lösen.

Korvapuusti: Mit Hagelzucker getarnte Franzbrötchen – wobei: Die gibt es ja nur in Hamburg

Abends entschied ich mich für den Besuch eines all-you-can-eat-Sushi-Restaurants unweit meines Hotels, was nur minimal teurer war als die Fischsuppe am Hafen; nach den vielen gescheiterten Anläufen der letzten Tage auf der Suche nach lokalen Köstlichkeiten beschloss ich, mit der Identifizierung finnischer Spezialitäten heute keine Zeit zu verbringen.

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13.03.2026: Tallinn

Meinen Tag in Tallinn begann ich wie am Abend zuvor geplant mit dem Besuch der an diesem Tag 10°C kühleren Sauna. Es war noch relativ leer und ich bekam nur Besuch von einem weiteren Gast, der allerdings mit einem Plastikbecher voller Bier in der Hand die Kabine betrat – und das um ca. 10:00 Uhr morgens.

Total entspannt und schon fast ein wenig müde machte ich mich anschließend auf den Weg in die Altstadt und war überrascht, wie gut sie erhalten war – inklusive der langen Stadtmauer und ihren Wehrtürmen. Direkt neben ihr befand sich der Domberg, der zwei Kirchen und viele alte Häuser beherbergte. Es war noch nicht sehr viel los und so schlenderte ich die Gassen entlang, bis ich ein paar mehr Touristen sah, die aus unterschiedlichen Richtungen kamen aber so schienen, als hätten sie ein gemeinsames Ziel. Es war in der Tat ein Aussichtspunkt neben dem Regierungssitz, von dem aus man einen sehr schönen Blick auf die unten liegende Altstadt hatte, mit Kirchtürmen und alten Häusern im Vordergrund – und vielen neuen teils noch im Bau befindlichen Hochhäusern in den Geschäftsvierteln im Hintergrund.

Unten in der Altstadt legte ich in einer „Caffeine“-Filiale eine Pause für ein spätes Frühstück ein und buchte dort die Fähre für die ca. zwei Stunden dauernde Überfahrt nach Helsinki am kommenden Tag. Auch für den letzten Teil meiner Reise hat sich die Wettervorhersage verbessert, so dass ich beschloss, gegen frühen Nachmittag in Tallinn aufzubrechen, um noch bei Tageslicht in Helsinki einzutreffen – ohne den noch von vor ein paar Tagen angekündigten Regen. Ich war erstaunt, denn bei der Wahl des Tickets hatte ich sogar die Möglichkeit, für den dreifachen Preis eine Kabine zu buchen, und ich las den Hinweis, dass nur noch zwei verfügbar wären.

Restaurant in der Altstadt, das offensichtlich vegane Eier brät

Nach Lektüre meines Reiseführers beschloss ich, meinen Rundgang entlang der Pikk-Straße fortzusetzen. Auf meinem Weg entdeckte ich wieder alte Schilder an den Mauern in deutscher Sprache und dem Namen „Reval“ statt Tallinn. Direkt gegenüber des ältesten Cafés der Stadt sah ich eine Polizeistreife und einen per Barrikaden abgesperrten Teil des Bürgersteigs. Anhand der Flagge über dem Eingang erkannte ich, dass es sich um die Botschaft Russlands handelte und auf den vielen an den Barrikaden angebrachten Plakaten davor war die Botschaft Estlands bzw. ihrer Einwohner an die Politik zu lesen, die Ukraine zu unterstützen.

Die Katharinenpassage war noch leer

Ein paar Häuser weiter befand sich das Gildehaus, und ich beschloss spontan, das sich in diesem Gebäude befindende Museum zu besuchen. Es berichtete von der Zeit als Hansestadt in der frühen Neuzeit, die der Stadt zu Wachstum und Wohlstand verholfen hat, aber auch dafür sorgte, dass der Deutsche Orden hier an Macht gewann. Im ersten Raum ging es aber – wie schon im Okkupationsmuseum Rigas – um die Besatzungszeit Estlands zwischen dem zweiten Weltkrieg und 1991 und ich hatte den Eindruck, als hätten auch die Esten ein Bedürfnis, diese Zeit der Öffentlichkeit zu dokumentieren, auch wenn sie nicht zum Schwerpunkt des Museums passte.

Wieder draußen und ein paar Straßen weiter fand ich einen Zugang zur Stadtmauer durch ein Café hindurch und beschloss sie zu besteigen, um noch ein paar Blicke auf die Stadt werfen zu können. Ich hatte morgens entschieden, statt meinen Outdoorstiefeln Laufschuhe zu tragen, um meine Füße zu schonen. In der Tat spürte ich die Blasen des Vortags gar nicht mehr und fühlte mich so ermutigt, noch ein wenig weiter zu gehen.

Mein Weg führte mich aus der Altstadt hinaus zur Lehmpforte, einem der bekanntesten Stadttore Tallinns. Eigentlich wollte ich dort ein stilvolles Foto der alten Gemäuer machen, aber es gelang mir nicht ganz, weil ein als Papagei verkleideter Mann pausenlos zwischen der einen und der anderen Seite entlang marschierte und Flugzettel an Passanten verteile. Ich nahm an, dass er dort noch länger bleiben würde und ging deshalb weiter in Richtung Stadtstrand, zunächst an einigen Einkaufszentren vorbei und dann an schönen Holzhäusern. Der Strand befindet sich ein paar hundert Meter entfernt von einem der Fährterminals und ich wagte dort einen weiteren Versuch, Bernstein zu finden. Leider entpuppten sich die orangenen, gelblichen und bräunlichen Teile alle als Plastikmüll und ich gab auf. Nur unweit vom Strand lag der Katharinen-Park, der Stadtpark Tallinns, in dem sich unter anderem der Präsidentenpalast befindet. Ich orientierte mich und sah einen Wegweiser zum japanischen Garten, fand aber dann dort durch eine Absperrung heraus, dass er noch saisonal geschlossen war. Der Park war dennoch nett angelegt und ich entdeckte fast wie ein Kunstwerk viele Schneehaufen zwischen den Bäumen, die in den nächsten Tagen verschwunden sein würden.

Wieder im Hotel angekommen, wollte ich nach einer Pause anschließend in der Stadt etwas essen. Hier in Tallinn gehören offenbar auch Pelmeni zu den Spezialitäten, sie sind russischen Ursprungs und entsprechen in etwa den polnischen Piroggen. Viele Restaurants schienen sie aber nur tagsüber in Food-Courts anzubieten. Eine Alternative wäre ein mittelalterliches Restaurant gewesen – laut Beschreibung im Internet hätte es dort Tonkrüge, Elchsuppe und extra unfreundliche, mittelalterlich gekleidete Mitarbeiter an den Essensständen gegeben. Mit mehreren Leuten gemeinsam vor einigen Jahren wäre das bestimmt ganz lustig gewesen, aber so fiel meine Wahl letztendlich auf ein Pfannkuchenhaus in der Innenstadt.

Seltsame Messe auf dem Weg in die Stadt – ich hoffe, da wurde später nicht jemand geopfert

Ich hatte an diesem Tag übrigens wieder einen Essenskurier der Firma Bolt sehen können, diesmal aber nicht in Form eines Roboters, sondern eines Radfahrers und war ein wenig beruhigt. Vielleicht lag es am Kopfsteinpflaster in der Altstadt.

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12.03.2026: Riga – Tallinn

Dieser Tag sollte erneut ein Reisetag sein – und zwar vorerst der letzte per Bahn. Morgens im Frühstückssaal liefen auf den Bildsschirmen erneut animierte Motive, auch sie zeigten Jugendstilhäuser und bunte Schmetterlinge, nur war im Hintergrund nicht der Eiffelturm, sondern diesmal der Pariser Triumphbogen zu sehen – aber schon wieder keine Sehenswürdigkeit aus Riga.

Ich hatte vor meiner Abfahrt kurz vor 12:00 Uhr noch ein wenig Zeit und beschloss, im angrenzenden Einkaufszentrum eine Drogerie aufzusuchen, denn ich hatte mir am gestrigen Tag an beiden Füßen ordentliche Blasen gelaufen, warum auch immer, schließlich war ich auch schon vorher jeden Tag längere Strecken zu Fuß unterwegs. In einer lokalen Drogeriekette „Drogas“ machte ich eine interessante Entdeckung: Das dortige Produktsortiment beinhaltete auch die Rossmann-Hausmarke „Isana“. So kaufte ich mir eine Packung Blasenpflaster „Fußwohl“. Ich recherchierte später während der Zugfahrt und fand heraus, dass Rossmann keine Anteile an der Kette besitzt, sondern dass sie im Besitz eines Investors aus Hongkong ist.

Der Supermarkt im Einkaufszentrum neben dem Bahnhof verkaufte wieder alkoholische Getränke, sodass ich mir zwei Flaschen Valmiermuiža als Souvenir zulegen konnte. Ich hatte außerdem vage überlegt, Graue Erbsen mit Speck für den Abend zu kaufen, da mir ein weiterer Tag in Tallinn für den Besuch eines Restaurants blieb und mein Speiseplan am Tag zuvor ja leider erfolglos war. Auf dem Weg zum Supermarkt kam ich an zwei weiteren Lido-Filialen vorbei, aber auch die hatten sie nicht im Sortiment. Im Supermarkt suchte ich also zunächst bei den zubereiteten Speisen und anschließend – dann nur noch aus Neugier – sogar bei den Konservendosen nach Grauen Erbsen – vergeblich. Ich fragte mich, warum man einem Land solch eine Spezialität zuschreibt, wenn man sie fast nirgendwo bekommen kann. Noch vor Ort schaute ich per Handy im Internet, ob es Graue Erbsen im Falle eines späteren dringenden Bedarfs auch in Deutschland zu kaufen gibt, und ich staunte nicht schlecht: Ich las im entsprechenden Artikel bei Wikipedia, dass Graue Erbsen eine Spezialität vorrangig aus Elmshorn seien, die dort am Faschingsdienstag gegessen wird und die früher auch mal in Ostpreußen bekannt gewesen sei. Offensichtlich war mein Reiseführer völlig veraltet und ich dachte kurz darüber nach, in einem der nächsten Jahre eine Bahnreise im Februar nach Elmshorn zu planen, um dort das ehemalige lettische Nationalgericht zu probieren.

Das Ticket für die Zugfahrt hatte ich online vor einer Woche in Warschau gebucht, denn früher ist es für die Züge der estnischen Zuggesellschaft Elron nicht möglich. Die Route sah vor, dass ich von Riga bis zur Grenzstadt Valga mit einem lettischen Zug fahren und dort in einen estnischen umsteigen müsste. Im pdf-Dokument war unten zudem ein Hinweis zu lesen mit der Bitte, sich an einen Servicemitarbeiter der lettischen Zuggesellschaft zu wenden, um für den ersten Teil der Reise ein kostenloses Ticket ausgestellt zu bekommen. Am Fahrkartenschalter in Rigas Hauptbahnhof scheiterte ich allerdings mit meinem Anliegen. Mir wurde dort mitgeteilt, dass ich eine Fahrkarte schon kaufen müsse und nicht einfach bekommen könne. Den per Smartphone ins Lettische übersetzten Abschnitt las die Mitarbeiterin zwar, aber sie verwies mich anschließend an einen Serviceschalter in der nächsten Halle. Dort geschah exakt das Gleiche. In der dritten Halle des Bahnhofs ging ich dann zu einem Infostand – und der kompetente Mitarbeiter konnte mich beruhigen: Mit dem Servicemitarbeiter sei der Schaffner im Zug gemeint, ich könne also einfach einsteigen.

Die Fahrpläne der baltischen Staaten sind erst seit ca. anderthalb Jahren so abgestimmt, dass man bequem international reisen kann.

Im Gegensatz zu meinen vorherigen Fahrten in den baltischen Staaten war der Ausblick aus dem Fenster diesmal ein völlig anderer: Es war zwar bedeckt und nicht mehr sonnig, vor allem aber war die verbleibende Schneedecke außerhalb der Städte innerhalb der letzten 48 Stunden komplett geschmolzen. Bis auf ein paar Resthaufen rückte also auch hier wie schon in Deutschland zwei Wochen zuvor der Winter langsam in den Hintergrund.

Der Grenzübergang geschah diesmal ohne einen hörbaren Unterschied auf den Gleisen und der Umstieg in Valga verlief problemlos. Ich konnte bei der Weiterfahrt ein letztes Mal die Geräumigkeit der Züge russischer Spurbreite erleben, denn in jeder Reihe gab es sogar Platz für fünf Sitze. Die englischen Durchsagen des estnischen Personals verdeutlichten mir, dass die Sprache recht wenig mit den beiden anderen des Baltikums zu tun hat – ich vernahm ein Stakkato und gleichzeitig einen „Singsang“ in der Sprechweise, die mich an frühere Unterhaltungen mit finnischen Wissenschaftlern während eines europäischen Forschungsprojekts erinnerte.

Der geräumige Zug der estnischen Zuggesellschaft Elron

Den Rest der Fahrt verbrachte ich unter anderem wie schon seit Beginn meiner Bahnreisen mit der Programmierung eines Lösers des Solitaire-Murmelspiels – denn er ist auch nach 11 Jahren noch immer nicht fertig; kein Wunder, wenn ich nur alle paar Jahre immer ein paar Stunden Zeit dafür spendiere. Und ich las ein paar private E-Mails, auch wenn ich mit Ernüchterung festgestellt habe, dass gerade in den letzten Tagen die Anzahl an Spam-Nachrichten zugenommen hat, auch in Form von SMS und anonymen Anrufen auf meinem Handy (die ich abgewiesen habe). Ich fand in meiner Inbox ca. 10 Phishing-E-Mails, die eine komplette angebliche Verkaufstransaktion eines von mir bei kleinanzeigen.de eingestellten Campingzelts abbildeten, inklusive E-Mails von unterschiedlichen Interessenten vorher mit der Frage, ob es noch zu haben sei und der Aufforderung in den letzten E-Mails, ich müsse für die finanzielle Abwicklung nur irgendwas ganz einfach durch Klicken bestätigen.

Durch die späte Abfahrt aus Riga und die lange Fahrt kam ich erst gegen frühen Abend in Tallinn an. Auf dem Weg zum Hotel fielen mir zwei Dinge auf – zum einen die mittelalterliche Altstadt zu meiner Linken, die ich plante, am kommenden Tag zu besuchen, zum anderen die plötzlich auf dem Gehweg erscheinenden Roboter, die hier rollenderweise Essen ausliefern. Ich hatte schon vorher gelesen, dass Estland derzeit mit zur digitalen Speerspitze Europas gehört, aber hier sah ich in der Tat einen Beweis dafür. Auch, wenn die Dinger schon echt cool sind, finde ich weiterhin, dass der Bürgersteig in erster Linie den Bürgern vorbehalten sein sollte, auch wenn ich vielleicht ein wenig altmodisch bin und bei der Vorstellung von zu vielen Robotern auf dem Gehweg auch an seltsame Straßenoptik und Stolperfallen denke. Und bis Essensroboter eingebürgert werden, dauert es vermutlich noch (glücklicherweise) ein wenig. Vermutlich wird es so sein, wie mit den E-Scootern: wenn sie der Allgemeinheit zu viel werden, wird man sie schon einschränken.

Sie flitzen über den Bürgersteig, warten an der Ampel und weichen aus: Roboter, die Essen ausfahren. Noch sind es wenige.

Mein Hotel in Tallinn hatte ich bei booking.com vor zwei Tagen storniert und gleich danach auf der gleichen Plattform zu gut der Hälfte des Preises erneut gebucht. Diese Unterkunft hatte gleich mehrere Saunen und sogar ein Schwimmbad. Die finnische Sauna ging seltsamerweise direkt vom Bereich der Herrenduschen ab, aber ich ahnte kurze Zeit später, warum: Es herrschten 100°C und die anderen Besucher nahmen es sportlich, denn alle zwei Minuten kippten sie erneut mehrere Kellen Wasser auf den Ofen. Der Raum war nicht sonderlich groß und so verwandelten sich meine Blasen an den Füßen innerhalb von Sekunden gefühlt zu Brandblasen, selbst das trockene Handtuch wurde mir zu heiß. Ich verstand, warum die anderen Gäste ihre Badelatschen noch anhatten und die Füße nicht herausnahmen, um ihre kühle Temperatur zu bewahren. Das tat ich beim nächsten Mal auch und ich hatte das Gefühl, dass sie plötzlich angenehm weich wurden.

Die Sauna öffnet morgens um 09:00 Uhr.

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11.03.2026: Riga

Der Aufenthalt im Hotel in Riga war anders als meine vorherigen Übernachtungen, denn ich hatte aus Gründen, die ich nicht mehr erinnerte, ein Zimmer mit Frühstück gebucht – vermutlich, weil es bei allen Buchungen mit inbegriffen ist, denn ich wurde beim Betreten des Frühstückssaals nicht nach meiner Zimmernummer gefragt. Es war nicht sehr viel los und mir fielen vor allen Dingen die vier großen Bildschirme an den Wänden auf, die ein animiertes Motiv mit Jugenstilhäusern, flatternden bunten Schmetterlingen und dem Eiffelturm im Hintergrund zeigten.

Ich stellte fest, dass sich die Wettervorhersage zu meinen Gunsten geändert hatte und es mittlerweile erneut sonnig sein sollte. Ich beschloss deshalb, mir Riga erneut von draußen anzuschauen und wollte zunächst zum Fernsehturm auf der Haseninsel spazieren. Ich passierte erneut die Hallen des Zentralmarkts, vor denen ein Straßenmusiker mit einer Geige gerade „Brother Louie“ von Modern Talking geigte.

Die Haseninsel ist eine von zwei Inseln in der Düna neben der Altstadt und sie ist über die Inselbrücke zu erreichen. Auf ihr befindet sich neben dem Fernsehturm auf der einen Seite nur die Fernsehsendeanstalt auf der anderen. Der Rest ist unbebaut. Die Atmosphäre dort war ein klein wenig gespenstisch, denn die Wege dort wurden von Bussen, Autos und Taxis als Parkplatz genutzt – ich passierte also viele Wagen, die dort einzeln herumstanden, und in denen jemand saß. Auf den angrenzenden Eisflächen auf der Düna sah ich entfernt mehrere alte Autoreifen herumliegen und kurz vor dem Erreichen des Fernsehturms sah ich ein Auto immer wieder einen kleinen Hügel herauffahren und ihn anschließend wieder rückwärts hinabrollen. Ich erinnerte mich, dass ich in meinem Reiseführer gelesen hatte, dass die Insel von Fahrschülern zum Üben genutzt werden darf und in der Tat war auf das Dach des Autos ein kleines Schild mit einem „M“ montiert worden, was vermutlich „Fahranfänger“ oder so bedeuten soll.

Der Fernsehturm selbst, das wusste ich, war noch nicht wieder für Besucher geöffnet, denn die Umbaumaßnahmen sollen noch ein paar Jahre dauern. Dennoch war er beeindruckend hoch – schließlich ist er der derzeit höchste Fernsehturm der Europäischen Union und ein paar Zentimeter höher als der in Berlin. Man gelangte allerdings noch nicht einmal an das Gebäude, denn das Gelände war weiträumig umzäunt. Insofern ging ich wieder zurück zur Inselbrücke und streifte einen Disk-Golf-Park, der zwar bereits geöffnet hatte aber leer war.

Die Haseninsel in der Düna mit dem Rigaer Fernsehturm, dem höchsten der EU

Auf der Westseite der Düna flanierte ich nordwärts am Fluss entlang in Richtung Altstadt und hatte mehrere Male das unmittelbare Gefühl, in Hamburg zu sein, denn es gab viele Ähnlichkeiten: Die Eisenbahnbrücke über die Düna sah aus wie die alten Elbbrücken, der Turm der Petrikirche in der Altstadt ähnelte sehr dem der Hamburger Katharinenkirche und die Hallen des Zentralmarkts wirkten aus der Ferne so wie der Hamburger Großmarkt. In der Altstadt, die ich schon am Tag zuvor besucht hatte, wollte ich nun auch einige Sehenswürdigkeiten von innen anschauen, auch wenn noch immer die Sonne schien. Das Innere des Doms und der Petrikirche sahen für mich aus wie typische Gotteshäuser, aber mir fielen die alten Tafeln an den Säulen auf, auf denen in verschnörkelter goldener Schrift deutsche Texte zu lesen waren. Ich hatte in der Zwischenzeit mitbekommen, dass der „Deutsche Orden“ im späten Mittelalter nicht nur in Ostpreußen die Gegend geprägt hat: Die Stadt Riga wurde maßgeblich von einem Bremer Bischof gegründet.

Ich hatte noch ein wenig Zeit und beschloss, das lettische Okkupationsmuseum zu besuchen, das vor nicht allzu langer Zeit wieder am Rathausplatz eingezogen war. Es berichtete vom Zeitraum der lettischen Besetzung durch die Sowjetunion und Nazi-Deutschland von 1940 bis zur Unabhängigkeit 1991. Die Schilderungen und Fotos dort zeigten viele Grausamkeiten, die den Letten (und vermutlich auch den Bewohnern anderer baltischer Staaten) in der Zeit angetan wurden – und es musste für die Bevölkerung damals vermutlich nur schwer zu ertragen gewesen sein, erst von den Sowjets durch die Folgen der geheimen Zusatzvereinbarung des Hitler-Stalin-Pakts eingenommen worden zu sein, zwei Jahre später dann von den Nazis und nach Ende des Krieges wieder durch die UdSSR, jeweils verbunden mit Gräultaten wie Massenhinrichtungen der lettischen Juden und Massendeportationen in sibirische Gulags.

Mit gemischten Gefühlen ging ich anschließend, mittlerweile bei bedecktem Himmel, zu einer Bar, die ich am Tag zuvor zufällig entdeckt hatte, denn meine OpenStreetMap-Karte zeigte dort einen öffentlichen Weg zu einem Innenhof an. Es war eine „Schokoladen-Bar“, in der man neben den üblichen Getränken eines Cafés auch feine alkoholische Drinks bestellen konnte und die eine große Auswahl an unterschiedlichen Trüffelpralinen anbot. Die Räumlichkeiten waren dunkel gehalten, es brannten viele Kerzen auf den Tischen und aus den Lautsprechern tönten dezent barocke Klänge von Vivaldi – sehr stimmungsvoll. Beim Kellner in traditioneller Kleidung bestellte ich eine heiße Schokolade und drei vorzügliche Trüffelpralinen.

Anschließend musste ich zurück zum Hotel, denn ich hatte mir einen Zeitslot im Wellnessbereich reserviert. Er bestand aus einer Sauna, einem Dampfbad und – so etwas kannte ich bisher nicht – einem „Cold Tub“ mit Massagedüsen und angezeigten 21°C Wassertemperatur. Vermutlich war er irgendwann mal ein „Hot Tub“ und wird mittlerweile einfach nur nicht mehr geheizt. Während meines Besuches dort betrat noch ein anderer Gast den Bereich, aber ich hatte den Eindruck, dass die Dame ein wenig enttäuscht war und bekam mit, dass sie alle paar Minuten zwischen Sauna, Liege und Whirlpool wechselte, in letzterem ein paar Mal tief Luft holte und nach einer guten Viertelstunde wieder ging. Wieder in meinem Zimmer angekommen, stellte ich fest, dass der Zimmerservice nicht dort gewesen ist – aber mir fielen auch die grünen Hinweisschilder auf den Fluren ein, die mit der Überschrift „Go Green“ beschrieben, dass aus Umweltgründen die Zimmer nur alle zwei Tage hergerichtet werden. Ich fragte mich, warum sie die Umwelt nicht noch mehr schonen wollten und den Zeitraum auf drei oder noch mehr Tage ausgedehnt haben, aber ich konnte mir vorstellen, dass sich das Reinigungspersonal genau das nicht wünscht.

Abends besuchte ich eine Filiale der beliebten „Lido“-Restaurantkette, in der es lokale Spezialitäten gab, allerdings in Form eines Selbstbedienungsrestaurants. Ich hatte schon einige Filialen auf meinen Wegen durch die Stadt vorher gesehen und hoffte nun, dass ich dort „Graue Erbsen mit Speck“ finden würde, ein laut meinem Reiseführer typisch lettisches Gericht. Das war leider nicht der Fall – einen Besuch war es dennoch wert.

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10.03.2026: Klaipėda – Riga

Wie bisher an jedem Tag meiner Reise hatte ich auch an diesem morgens einen Termin, diesmal den frühesten auf meiner Strecke. Mein Zug aus Klaipėda fuhr nämlich bereits um 07:30 Uhr ab. Auf dem Weg mit meinem Gepäck zum Bahnhof dachte ich über die vergangenen zwei Tage nach und fragte mich, was ich nun besonders deutsch an der Stadt fand. Nun, rückblickend kam mir die Altstadt mit ihren Gassen und dem Kopfsteinpflaster schon ein wenig vertraut vor. Ansonsten war es vermutlich die Fielmann-Filiale, an der ich erneut vorbeiging. Direkt vor dem Bahnhof sah ich eine Statue einer Frau mit einem Koffer in der einen und einem traurig aussehenden Jungen an der anderen Hand. Im Boden las ich auf deutsch einem Schild, dass die Szene den Titel „Abschied“ trug und die Statue von einem Verein der ehemaligen Memelländer aus Deutschland gestiftet wurde.

Zwei Mal rund am Horizont – Sonnenaufgang neben dem Zeltdach eines Klaipedaer Sportclubs.

Erneut musste ich in Šiauliai umsteigen, diesmal in den Zug nach Riga. Wieder blickte ich anschließend bei bestem Wetter auf verschneite Felder – die Gegend wirkte landschaftlich so, als könnte sie auch in zum Beispiel Niedersachsen liegen… dennoch wollte ich sie nicht als typisch deutsch bezeichnen. Nach einiger Zeit näherten wir uns der litauisch-lettischen Grenze und ich suchte nach Schildern, die ihren exakten Verlauf kennzeichneten. In der Tat huschte in einem Wäldchen eine schmale Schneise an mir vorbei mit einem weißen Pfahl als Markierung unweit der Gleise. Im selben Augenblick bemerkte ich wie auch schon bei meiner vorherigen Grenzüberquerung, dass das leichte Rumpeln des Zuges abgelöst wurde durch eine ruhige Weiterfahrt. Ich fragte mich, ob in Gegenrichtung die Ausführung der Schienenstöße auch entgegengesetzt umgesetzt wurde, sodass man stets im neuen Land leise empfangen wird.

Bereits um kurz vor 12:00 Uhr hielt der Zug in meinem Ziel Riga. Das Ende dieser Fahrt stellte eine kleine Cäsur dar: Durch die Tagestouren sowohl von Kaunas (nach Vilnius) als auch von Klaipeda aus (auf die Kurische Nehrung) blieb durch die frühe Abenddämmerung jeweils nur wenig Zeit zur Stadtbesichtigung. Gefühlt war ich also eigentlich ständig unterwegs in den letzten Tagen. Während des zweiten Reiseteils, so vermutete ich, würde diese Hektik fehlen.

Mein Zimmer im Hotel neben dem Bahnhof war bereits bezugsfertig und ich konnte einchecken. Durch die Wettervorhersage, die für den folgenden Tag einen leichten Wetterumschwung vorhersagte, ließ ich nur kurz mein Gepäck im Zimmer und machte ich mich gleich wieder auf den Weg in die Stadt, denn ich wollte sie so lang wie möglich bei Sonnenschein erkunden.

Mein Weg führte zunächst zur Akademie der Wissenschaften im Stadtteil „Moskauer Vorstadt“. Dieser Protzbau Stalins erinnerte mich an den Warschauer Kulturpalast, aber er beherbergte oben eine Aussichtsplattform, von der aus man einen guten Blick auf die Innenstadt haben sollte. In der Tat war der Blick nett und die Infotafeln interessant, las ich doch darauf, dass der im Süden liegende Fernsehturm zwischen 1979 und 1986 gebaut wurde. Demnach schien also in Riga erst wenige Jahre vor der lettischen Unabhängigkeit das Fernsehen eingeführt worden zu sein – aber vermutlich gab es aber vorher einfach an anderer Stelle Sendemasten.

Blick auf den Zentralmarkt und die Altstadt Rigas

Ich spazierte weiter zum nahegelegenen Zentralmarkt Rigas, der in fünf großen Hallen untergebracht ist. Gleich die erste Halle war dem Verkauf von Fleischwaren gewidmet und es gab allerhand Tierteile zu entdecken, die zu Hause vermutlich nur wenige Abnehmer gefunden hätten: Schweineköpfe, Schweineohren und lange fingerartige Dinger, aus denen Knochen herausguckten, bei denen ich aber keine Ahnung hatte, um was es sich handelt.

Im Rigaer Zentralmarkt

Weiter in Richtung Altstadt passierte ich wieder den Bahnhof und sah, dass sich südlich des Haupttrakts ein neues Gebäude im Bau befand, laut Schild das der „Rail Baltic“, die mit europäischer Spurbreite irgendwann mal eine schnelle Verbindung bis nach Warschau bereitstellen soll. Die Gleise endeten aber nicht weit entfernt direkt über dem Fluss Düna im Nirgendwo. Es wird also noch einige Jahre bis zur Fertigstellung dauern.

Die Trasse der geplanten „Rail Baltic“ (vorne) endet derzeit mitten über der Düna

Die Altstadt Rigas bestand aus kleinen Plätzen und Gassen, aus vielen Jugendstilhäusern und einigen Sehenswürdigkeiten. Eine davon war eine Statue der Bremer Stadtmusikanten – ein Geschenk der Partnerstadt Bremen. Direkt gegenüber befand sich ein gleichnamiges Restaurant, auf dessen Speisekarte ich neben Salaten, Burgern, Mozarella Sticks und anderen frittierbaren Dingen eine Spezialität entdecken konnte: Das „Bremer Stadtmusikanten“-Geschnetzelte nach Stroganov Art. Ich bekam Hunger, wollte aber wegen des schönen Wetters ungern drinnen sitzen. Die Restaurants hatten aber noch keine Tische draußen – so organisierte ich mir einen Snack in einem Supermarkt und machte Pause auf einem sonnigen Bänkchen.

Eins der Wahrzeichen Rigas: Die Bremer Stadtmusikanten

Anschließend spazierte ich weiter durch die Straßen und Parks entlang des Stadtkanals bis zur Freiheitssäule, die den Übergang in die Neustadt markierte. Durch Gassengewirr ging es zurück zum Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz, einem weiteren Wahrzeichen Rigas. Auf dem Platz befand sich neben einer Roland-Statue auch eine runde Steinplatte mit einem kleinen stilisierten Tannenbaum darauf, der den ersten Weihnachtsbaum der Welt symbolisieren sollte. Ob der nun wirklich in Riga stand, wird man offenbar nicht mehr eindeutig belegen können.

Wer hatte den ersten Weihnachtsbaum? Riga beansprucht den Titel für sich. Im Hintergrund sieht man das Schwarzhäupterhaus.

Anschließend wurde es langsam dunkel. Durch mein frühes Aufbrechen und der Tatsache, dass ich an beiden Tagen zuvor abends essen war, versorgte ich mich im Supermarkt und beschloss, den langen Tag gemütlich enden zu lassen. Bei der Gelegenheit wollte ich nach alter Tradition lokales Bier als Souvenir kaufen, aber es war bereits nach 20:00 Uhr und in Lettland ist dann der Verkauf alkoholischer Getränke verboten – die Regale waren abgesperrt.

Sperrstunde im Supermarkt: Ab 20:00 Uhr ist der Verkauf von alkoholischen Getränken verboten
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09.03.2026: Tagesausflug zur Kurischen Nehrung

Auf den heutigen Tag hatte ich mich schon seit meiner Reiseplanung gefreut, denn er stand ganz unter dem Motto „Natur pur“. Auch motiviert von Fotos im WhatsApp-Status, die ich vor einigen Monaten gesehen hatte, wollte ich die Kurische Nehrung besuchen. Man kann sie sich vielleicht als eine Art östliches Sylt vorstellen, denn sie besteht aus einem schmalen Landstreifen mit Dünen, einer Seeseite (nicht Nordsee, sondern Ostsee) und einer ruhigen Wasserseite Richtung Festland (nicht Watt, sondern Haff). Auf ihr soll es gut ausgebaute Radwege geben – und einen lokalen Fahrradverleih hatte ich auch schon in Deutschland ausfindig gemacht. Der bot damals über seinen Online-Shop allerdings nur Räder für zwei Tage zum Ausleihen an. Auf eine Anfrage per E-Mail vor ein paar Wochen gab es schnell eine Antwort: Die Möglichkeit sei ein Fehler gewesen, das Buchungssystem sei nun korrigiert – die Radwege auf der Kurischen Nehrung seien noch nicht geräumt, die Verleihsaison würde erst später starten. Der Mitarbeiter des Fahrradverleihs hat mir nach Rückfrage allerdings gleich mit Hiweisen zu den lokalen Busunternehmen geholfen, sodass ich beschloss, mit dem Bus die Nehrung zu entdecken und zwei kleine Wanderungen zu machen.

Ohne meine Winterjacke, sondern nur einem T-Shirt und einem Hoodie darüber bekleidet, verließ ich morgens das Hotel in Richtung des alten Fähranlegers, um die Memel zu überqueren. Die Temperatur lag zwar nur knapp über dem Gefrierpunkt, aber die Sonne wärmte bereits ein wenig und ich hatte einen zweiten dünnen Pullover im Rucksack mit zum Unterziehen – hm, also eigentlich einen Pullunder. Es sollte heute tagsüber 12 °C warm werden und mit Winterjacke wäre ich da beim Wandern sofort ins Schwitzen gekommen. Mit mir auf der Fähre waren nur wenige Leute, denn es war die erste Überfahrt des Tages. Nach fünf Minuten in Smilkyne angekommen, wartete bereits ein Kleinbus, der mich mit über die Nehrung bis ins 50km entfernte Nida nahm. Aus dem Fenster konnte ich über viele Kilometer kein Haus, dafür aber ausgedehnte Kiefernwälder und dazwischen langgestreckte Sanddünen sehen. Die Gegend schien wirklich zum Motto „Natur pur“ zu passen und ich bedauerte ein wenig die Witterung, die mir das Erkunden per Rad nicht ermöglicht hatte. Andererseits habe ich Fotos dieser Gegend von vor anderthalb Wochen im Internet gesehen – demnach hätte ich bis vor wenigen Tagen noch nicht mal eine Wanderung machen können: Ich sah darauf meterhohe Schneeverwehungen und komplett zugeschneite Autos. Auch der Mitarbeiter der Fahrradvermietung erwähnte, dass es in diesem Winter so viel Schnee gab wie seit 15 Jahren nicht. Ich fragte mich, ob Schneesturmtief Elli auch hier wütete und wie es hier hieß.

Überfahrt über die Memel – mit nur wenigen Eisschollen in Ufernähe

Der Bus fuhr auf dem Weg nach Nida auch durch den Ort Juodkrantė, den ich mir als Station für den Nachmittag ausgesucht hatte und in dem ich geplant hatte, nach einer zweiten Wanderung die verbleibende Wartezeit bis zur Abfahrt des nächsten Busses in einem Café zu verbringen. Als wir daran vorbei fuhren, sah ich allerdings, dass es geschlossen hatte, so wie auch die anderen Cafés und Restaurants, die wir passierten. In Nida gab es allerdings zwei geöffnete große Supermärkte und ein kleines „Café Vero“ mit Wimpeln vor der Tür. Ich erkundigte mich dort nach der Gesamtsituation der öffentlichen Kaffeeversorgung in der Gegend und erfuhr, dass ich mich im einzig geöffneten Kaffeehaus der gesamten Nehrung befand, denn in Juodkrantė sei bis April noch alles geschlossen. Ich nahm die Aussage der Verkäuferin dankend zur Kenntnis, bestellte einen großen Café Latte mit Hafermilch, bezahlte ihn mit meiner Smartwatch und fühlte mich kurz wie ein König, bevor ich mich auf den Weg zur ersten Wanderung machte. Sie verlief von Nida aus nach Süden bis zur Parniddener Düne, dann quer über die Nehrung zur Ostsee, ein Stück nach Nordosten am Strand entlang und dann durch einen Wald zurück zum Kurischen Haff zu meinem Ausgangspunkt. Der Weg laut meiner Komoot-App hätte am Fuße der Düne um eine erste Landzunge gehen müssen, aber ich erkannte schon bald, dass es dort statt eines Weges nur Schilfrohr und Schnee gab und ich deshalb die Düne hinauf zu einer Alternative kraxeln musste. Die schattigen Stellen waren noch mit teils tiefen Schneefeldern bedeckt – sie hielten mein Gewicht aber fast immer, nur ab und zu gab der Schnee nach und ließ meine Beine wadentief einsinken. Danach gelangte ich auf sonnenbeschienene Teile der Düne und die Wege waren frei.

Aufstieg mit Einsinkmöglichkeit – am Besten hielten die Stellen, an denen vorher schon jemand erfolgreich ging

Etwas später hatte ich den südlichsten Punkt der Wanderung erreicht und rastete kurz mit einem Blick auf die nächste Landzunge im Süden. Sie begann in gut einem Kilometer Entfernung und gehörte schon zu Russland. Weiter Richtung Grenze hätte ich allerdings auch nicht gehen können, denn das Gebiet war abgesperrt mit einem Hinweis auf eine Wildtierschutzzone, deren Betreten in jedem Fall verboten sei. Es muss allerdings ein Loch im Zaun gewesen sein, denn kurze Zeit später sah ich ein paar ganz eindeutig russische Rehe und ein eindeutig russisches Kaninchen vor mir flüchten. Ich war ein wenig verwundert über weitere Wegweiser, denn sie waren beschriftet mit den Namen „Death Valley“. Ich war mir eigentlich recht sicher, dass man normalerweise nach illegaler Überquerung einer Grenze eher verhaftet als gleich erschossen wird und es auch keine makabren Wegweiser gibt, fand aber später heraus, dass damit ein Kriegsgefangenenlager der Franzosen im Deutsch-Französischen Krieg Ende des 19. Jahrhunderts gemeint war.

Der Weg hinüber zur Ostsee verlief durch Dünen und Wälder, in deren Schatten auf dem Weg wieder Schnee lag, der das Vorankommen auf Dauer ein wenig beschwerlich werden ließ. Dafür begrüßte mich die Ostseeseite mit einem lauen Lüftchen und sanftem Meeresrauschen. Dementsprechend kam ich danach gut voran und hatte dann in Nida noch Zeit, mir einen zweiten Café Latte für die Zeit nach der Wanderung in Juodkrantė zu bestellen, denn ich sollte dort vor Ort ja keinen finden.

Beim Besteigen des Busses stellte ich fest, dass ich den Namen meines zweiten Stopps vermutlich katastrophal ausgesprochen haben muss, denn der Busfahrer verstand nicht, wohin ich wollte, obwohl es auf der ganzen Nehrung nur 4 Orte gab – und in einem davon war ich bereits. Ich wusste aber, dass die Fahrt dorthin 4 Euro kosten sollte und gab ihm deshalb einfach passend mein Kleingeld. Daraufhin nuschelte er etwas, was ich nicht verstand, aber ich nickte und nahm Platz. Es muss wohl die richtige Aussprache gewesen sein.

Holzskulpturen auf dem Weg zum Hexenhügel

Am südlichen Ende von Juodkrantė angekommen, wanderte ich also erneut los, diesmal in einen hügeligen Wald. Der Weg war schon von der Straße ausgeschildert und führte mich zum Hexenhügel. Im Sommer vermutlich ein leichter Spazierpfad, so war mein Vorankommen teils nur im Schneckentempo möglich, denn die Oberfläche des Untergrunds bestand aus einer Eisschicht mit vielen Pfützen aus Tauwasser – es war also teilweise wirklich rutschig. Für Ablenkung haben allerdings die vielen Holzstatuen am Wegesrand gesorgt, die lustige Fratzen zeigten und kleine Throne und Bänke verzierten.

Hier gibt es ihn auch, den Blocksberg

Nach ca. einer Stunde erreichte ich wieder die Ostsee bei Sonnenschein und ich genoss den zweiten Kaffee auf einem Bänkchen oberhalb des Strandes und konnte so die Zeit nutzen, um meinen Blog weiterzuschreiben. Anschließend ging ich noch für ein paar Minuten am Strand entlang in der Hoffnung, Bernstein zu finden, aber wie vermutlich die anderen Spaziergänger, die ich vorher beobachten konnte, verließ ich die Gegend, ohne reich geworden zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, hier nach einem Tag aufgewühlten Meeres fündig zu werden, ist aber wohl gar nicht so gering, denn die Gegend ist für ihren Bernsteinreichtum bekannt.

Ein lauschiges Plätzchen an der Ostsee lädt zum Verweilen ein

Nach kurzer Wartezeit auf den Bus am zugefrorenen Haff und Übersetzung über die Memel bin ich wieder in meinem Hotel in Klaipėda angekommen. Ich suchte ich mir anschließend ein neues Restaurant aus – diesmal ohne einen Chatbot, sondern mit Blick auf die Online-Karte. Ich entschied mich für eins in der Nähe des Hafens und warf einen Blick auf die Öffnungszeiten am Montag. Es sollte laut Homepage bis 22:00 Uhr geöffnet sein – und auf der Speisekarte fand ich lokale Spezialitäten ohne zeitliche Einschränkungen. Als ich dort angekommen war, musste ich aber feststellen, dass es geschlossen hatte. Ich setzte meinen Weg fort zu meiner zweiten Wahl, auch dort sollte es typische Teigtaschen geben. Ich wählte deshalb in der englischen Speisekarte „Fried Dumplings“ und bekam wenig später 13 frittierte italienische Tortellini serviert. Sie waren sehr lecker.

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08.03.2026: Kaunas – Klaipėda

Dadurch, dass ich am vorherigen Tag recht früh zu meiner Tagestour nach Vilnius aufgebrochen und abends erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückgekehrt bin, hatte ich Kaunas nur am Tag zuvor bei Tageslicht besuchen können. Ich entschloss mich daher, vor meiner Abreise noch ein weiteres Mal in Richtung Altstadt zu gehen, hatte ich doch im Reiseführer von einem Aussichtspunkt gelesen, von dem aus man einen schönen Blick auf das Stadtzentrum haben sollte. Die Straßen waren gegen 08:30 Uhr wie leergefegt, denn es war Sonntag. Einige Cafés hatten zwar geöffnet, aber um diese Uhrzeit hielt sich dort außer dem Personal ebenfalls niemand auf. Nur ab und zu begenete ich einer joggenden Person (um mal das Wort Jogger:in oder JoggerIn oder Jogger/-in zu vermeiden). Als ich durch eine Straßenunterführung ging, traf ich jedoch überraschenderweise auf mehrere Menschengruppen, die unter Tage an den dort geöffneten Blumenständen Schlange standen. Es war Weltfrauentag und vielleicht wollten die Kaufenden (hm, es waren nur Männer, wie kann man das denn jetzt ausdrücken?) ihn auf diese Weise feiern?

Die Aussichtsplattform befand sich neben dem oberen Ende einer kleinen Standseilbahn, die saisonbedingt geschlossen war. Der Blick auf Kaunas war wirklich schön und besser als von vor der Basilika zwei Tage zuvor. Für den Rückweg zum Hotel wählte ich den Fußweg direkt neben der Memel, denn dort war es sonnig und windgeschützt und es fühlte sich sogar neben den vereinzelt auf dem Wasser treibenden Eisschollen wie zuletzt in Hamburg nach Frühling an.

Während der Zugfahrt zum Umsteigebahnhof Šiauliai bildete ich mich ein wenig geschichtlich weiter und war verblüfft, was mich an meinem nächsten Ziel erwartete. Klaipėda gehörte früher zum Memelland in Ostpreußen und war offenbar insgesamt über 500 Jahre lang deutsch, eine lange Zeit. Vielen mag das bekannt sein, aber ich hatte seinerzeit im Geschichtsunterricht vermutlich nicht auf eine nachhaltige Art aufgepasst und verbinde mit Ostpreußen im Wesentlichen nur Königsberger Klopse und Tilsiter Käse – und auch das erst, seitdem ich erfahren habe, dass diese Städte dort lagen. Eins der Wahrzeichen Klaipėdas ist allerdings die Statue vom „Ännchen von Tharau“ – die wiederum kannte ich von einer Männerchor-Schallplatte meiner Großmutter, eigentlich ein wirklich schönes Lied, wie ich mittlerweile finde. Aber ich schweife ab.

Der große Innenraum von litauischen Zügen

Nach Umsteigen in Šiauliai und der Weiterfahrt zu meinem Ziel war ich gespannt, wie „deutsch“ ich Klaipėda wahrnehmen würde. Die Zugfahrt endete dort und ich stieg zusammen mit allen anderen Fahrgästen aus, darunter viele Frauen mit einem Blumenstrauß in der Hand. Gleich in der Nähe des Bahnhofs auf dem Weg zum Hotel entdeckte ich ein erstes Zeichen: Ein Firmenschild mit den Namen „Die Fabrik“, es gehörte zu einem Frisör. Ein wenig weiter dann ein altes Metallschild an einer Hauswand, was auf eine historische Heimatzeitung mit dem Namen „Memeler Dampfboot“ hinwies. Im Gebäude befand sich jetzt ein Chinarestaurant.

Hinweisschild auf eine alte Zeitung an einer Häuserwand in Klaipėda

Nach dem Einchecken im Hotel beschloss ich erneut, bei Tageslicht einen Stadtbummel zu machen. Die Altstadt fand ich zwar nett, aber ich bin nicht aus allen Wolken gefallen: Einige Häuser sahen noch ein wenig verfallen aus, andere wurden saniert und in einigen neu verputzten befanden sich Läden wie Yogaschulen oder Kochstudios. Vielleicht war ja das durchgehend erhaltene Kopfsteinpflaster das, was die Altstadt mit auszeichnet? Wenn die vielen Baustellen in ein paar Jahren verschwunden sein werden oder im Sommer, mag der Eindruck nochmals ein wenig anders sein. Im Internet wurde noch eine sanierte Passage als sehr charmant beschrieben, die „Friedrichpassage“ – sie sah tatsächlich hübsch aus mit restaurierten Häusern, teils mit Fachwerk, in denen es unter anderem ein italienisches Restaurant und ein Tattoo-Studio gab. Mein Weg führte mich weiter zur wiederhergestellten Memelburg am Hafen (jetzt Burg Klaipėda), aber obwohl ich zeitlich rechtzeitig da war, fiel ein Besuch leider aus, denn laut Schild am Kassenhäuschen hat das Museum am Sonntag und Montag gar nicht geöffnet – das Schild hing allerdings recht schief und auch ein Blick durch das Fenster nach innen ließ mich eher vermuten, dass es saisonbedingt geschlossen war.

Die „Friedrichspassage“ mit Restaurants

Ich hatte somit noch etwas Zeit, die Sauna des Hotels zu besuchen. Auf dem Weg zurück bemerkte ich, dass sich direkt neben meiner Unterkunft eine Bar mit dem Namen „Kiss“ und ein Casino namens „Torpedo“ befand – und im Kellergeschosses des Hotelgebäudes einen „Gentlemen’s Club“, der zwischen Mitternacht und 6:00 Uhr morgens geöffnet hat. Ich bekam erst ein leicht befremdliches Gefühl ob meiner Unterkunftswahl, allerdings ist Klaipėda nunmal Litauens größte Hafenstadt und beherbergt vermutlich einige Seemänner – und die Reeperbahn in Hamburg ist da nicht so dezent. Deswegen gibt es vielleicht auch Bedarf nach Tattoostudios.

In der Sauna des Fitnessstudios, die ich als Hotelgast kostenlos besuchen durfte, herrschte reger Betrieb – sie war zwar klein, aber dafür schon mit ein paar Menschen recht voll. Da sie keinen Wellnesscharakter hatte, unterhielten sich die anderen Leute laut und ich versuchte vergebens, etwas zu verstehen. Lediglich die Worte Ukraina, Drona, Soldata, Dubai kamen mir bekannt vor. Sie riefen mir die politische Weltlage ins Gedächtnis und ich stellte fest, dass ich seit ein paar Tagen gar keine Nachrichten mehr gelesen hatte.

Anschließend ging ich noch etwas essen, dieses Mal mit Hilfe eines Chatbots: Ich habe auch nach Erfahrungsberichten von Freunden festgestellt, dass sie für die Reiseplanung eigentlich ganz gut geeignet sind, denn in dem Bereich funktionieren sie meiner Meinung nach eigentlich so wie Google vor 20 Jahren: Die Antworten, die man bekommt, passen zu dem, was man sucht, und sie ersparen einem aufwändigeres Recherchieren. Ich hatte nach einem Restaurant in der Altstadt gefragt, in dem man litauische Spezialitäten bekommen kann – und zwar etwas außer Cepelinai, denn die hatte ich ja bereits probiert. Mir wurde eins empfohlen mit dem Vorschlag, dort „Žemaičių blynai“ zu essen, nämlich typisch litauische gefüllte Kartoffelpfannkuchen. Dort eingetroffen stellte ich allerdings beim Lesen der Speisekarte fest, dass das Restaurant sie nur zwischen 12 Uhr mittags und 6 Uhr abends anbietet. Mangels einer Auswahl an bezahlbaren Alternativen bestellte ich mir dann ein Wiener Schnitzel.

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07.03.2026: Tagesausflug nach Vilnius

Mein Reiseplan heute sah einen Tagesausflug nach Vilnius vor, konnte ich doch so zwei Nächte am Stück im gleichen Hotel in Kaunas übernachten. Der in etwa stündlich fahrende Intercity fuhr pünktlich los und durchquerte bald schneebedeckte Felder. Ich erfreute mich zunächst kurz des Anblicks, bis mir einfiel, dass wir in diesem Jahr in Deutschland mehr als genug davon hatten. Die Fahrt verging schnell, so dass mich Vilnius gegen 10:00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein empfing. Da ich erneut ein Ticket für die 1. Klasse gebucht hatte (es kostete nur 3 Euro mehr) und zudem meine Fahrt länger als eine Stunde dauerte (um genau zu sein zwei Minuten), durfte ich die VIP-Lounge von LTG besuchen und versorgte mich dort mit einem Kaffee.

Die Stadt sollte der östlichste Punkt meiner Reise sein, von dort aus sind es weniger als 200 km nach Minsk. Es fahren offenbar mehrfach täglich Busse, die laut Plan allerdings ca. 5 Stunden brauchen, vermutlich aufgrund der Grenzüberquerung.

Mein Spaziergang durch das Tor der Morgenröte in die Altstadt ließ mich schon bald viele Reisegruppen passieren. Die durch die Altstadt verlaufende malerische Pilies-Straße füllte sich.

Nette Idee auf dem Rathausplatz: Ein „Portal“, durch das man Menschen in Lebensgröße und Echtzeit in einer anderen Stadt sieht (hier gerade in Ipswich, UK)

Ich schlenderte weiter bis zur Kathedrale und dem angrenzenden Burgberg und traf dort auf viele Zelte, in denen man Kleidung und Essen kaufen konnte. Dachte ich zunächst noch, dass in Vilnius wohl am Samstag Wochenmarkt sei, so stieß ich bald auf eine Bühne, mehrere Bands, die auf dem Kathedralenplatz volkstümliche Musik spielten, und auf noch mehr Leute. Oben auf dem Burgberg angekommen, genoss ich die sonnige Aussicht über die Stadt und fragte mich, ob an diesem Tag in Vilnius ein besonderes Ereignis stattfand – und in der Tat ergab meine kurze Recherche, dass ich zufällig das Wochenende gewählt hatte, an dem das Kaziuko Mugė – Fest gefeiert wird. Von oben konnte ich sehen, dass Buden ebenso den Rand des Gediminas Boulevards (die „Prachtstraße“ der Stadt) säumten, und zwar so weit ich blicken konnte.

Munteres Treiben auf dem Kathedralenplatz beim Kaziuko Mugė – Fest

Wieder unten angekommen, gelangte ich an das Flüsschen Vilnia, das sich am Burgberg entlang schlängelt und an dem diverse Leute auf die andere Seite schauten und auf irgend etwas zeigten. Es dauerte ein wenig, bis ich verstand, was sie meinten – aber dann entdeckte auch ich einen Otter, der emsig im Wasser schwamm und ab und zu ans Ufer ging und irgend etwas tat.

Ein Otter am Flüsschen Vilnia mitten in der Innenstadt (durchs Fernglas fotografiert)

Mein Weg führte mich weiter zunächst in die Kathedrale, in der gerade die Mittagsmesse gehalten wurde, und dann weiter den Gediminas Boulevard entlang. Einige Leute gingen kostümiert neben mir und an den Essensständen ging es kaum vorwärts, da sich an jedem eine lange Schlange gebildet hatte. Die Buden wiederholten sich irgendwann und ich sah wieder die gleichen angebotenen Dinge: Bernsteinschmuck, Keramik, Holzsouvenirs, Kerzen, Seifen, Tinginys (die litauische Variante vom „kalten Hund“), Speck, kleine Brotkringel an Schnüren (Kaziuko baronkos, offenbar eine Spezialität des Festes), Tornado-Kartoffeln, Gegrilltes, Gewürze. Auffällig waren die vielen Einheimischen, die sich an Holzstielen kunstvoll gesteckte Trockenblumen kauften. Ich las nach, dass es „Verba“ waren, „Osterwedel“ aus der Gegend, die am Palmsonntag geweiht und anschließend als Glücksbringer zu Hause aufgehängt werden. Da ich aber nur noch im Schneckentempo vorankam, beschloss ich, ein wenig abseits des Trubels zurück zur Altstadt zu gehen und stellte kurz danach fest, dass jemand meinen Rucksack geöffnet hatte. Glücklicherweise war aber alles noch da – es war zwar mein Laptop darin, aber den hätte man aufgrund seiner Größe und Lage hinten am Rücken nicht unauffällig entnehmen können. Dennoch band ich nun die Ösen der Reißverschlussschieber mit Riemen am Rucksack fest und machte mich auf den Weg zur Markthalle, um mich zu stärken.

Verba – Glücksbringer, die an Palmsonntag geweiht werden

Leider fand ich die Auswahl ein wenig enttäuschend, es gab nur ein paar sehr überteuerte Stände, deren Zielgruppe wohl eher typische Sylturlauber sind. Außerdem war es dort drinnen zu warm und zu schattig, so dass ich wieder zurück in die Altstadt ging, um bei einem der vielen „Caffeine“-Filialen zu halten, der litauischen Starbucks-Variante.

Der Abschluss meines Rundgangs brachte mich durch die Literatengasse, an deren Wände Schriftsteller mit kleinen Kunstwerken geehrt wurden – die meisten kannte ich nicht, aber ich entdeckte Günter Grass anhand seines Portraits. Nach einem Abstecher in das Künstlerviertel Užupio machte ich mich mit vielen Reisegruppen langsam zurück auf den Weg zum Bahnhof, um meine Rückfahrt anzutreten. Die kleinen Gassen, durch die ich ging, trafen immer mal wieder auf kleine Plätze, an denen eine Kirche stand, manchmal sogar zwei direkt nebeneinander. In der Tat hatte ich das Gefühl, fast immer mehrere Kirchtürme sehen zu können und fühlte mich in dieser Hinsicht fast schon wie in Venedig.

Zurück in Kaunas angekommen, besuchte ich noch kurz einen Supermarkt. Ich hatte beschlossen, meine Restaurantbesuche für einen Tag zu unterbrechen und deckte mich so an Frischetheke und Salattresen für den Abend ein.

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06.03.2026: Warschau – Kaunas

Die Nacht in der Kapsel verlief ohne große Vorkommnisse, es schlief außer mir nur auch mein Arm auf der zu weichen Matratze ein und weckte mich dadurch mehrmals in der Nacht. Mit einem im Preis inbegriffenen Kaffee machte ich mich morgens auf den Weg zurück zum Bahnhof, um meine Reise fortzusetzen. Auf meinem Weg traf ich auf weitere Leute mit Reisegepäck – unter anderem eine Gruppe von drei Männern mit einem Jutebeutel, aus der eine Flasche Wasser, ein Kaffeebecher, Badelatschen und eine halbvolle Flasche Whisky herausragten. Ich fragte mich, was er sonst noch in seinem Koffer mit sich tragen würde, eigentlich hatte er ja schon alles dabei!

Ein Reisender mit ausreichend Gepäck

Meine Fahrt im IC der polnischen Bahn PKP gen Osten brachte mich nun langsam in die Nähe der Ostgrenze der EU. Wir hatten einen längeren Aufenthalt in Białystok (nein, nicht Владивосто́к/Vladiwostok) und hielten erneut in Sokółka, gut 10 km entfernt von der Belarusischen Grenze. Anschließend fuhr der Zug allerdings auf ein Gleis, was nach Norden abbog, und ich konnte auf der Haupttrasse gen Osten nur noch einige Kolonnen mit Tankwagen erblicken. Ob sie noch Öl transportieren? Gibt es ein Embargo auch von Belarusischem Öl? Ich wusste es nicht.

Der Zug rumpelte weiter und die Fahrt blieb spannend, denn wir näherten uns dem Suwalski Korridor, der 60km schmalen Landesgrenze zwischen Polen und Litauen. Wir fuhren durch hügelige Felder und Wälder und ich sah anhand einer zunehmenden Anzahl an Schneefeldern in schattigen Waldabschnitten, dass es der Frühling noch nicht ganz bis hierher geschafft hat.

Kondensstreifen am Himmel verraten die Lage des Suwalski-Korridors

Nach einem letzten polnischen Bahnhof konnte man den Grenzübergang nach Litauen ohne Hilfsmittel bis auf ein paar Meter genau deutlich bestimmen: Das Rumpeln der Waggons war auf einmal weg, wir fuhren leise weiter. Ich bildete mich im Internet fort und verstand irgendwann den Unterschied zwischen gelaschten und geschweißten Schienenstößen.

Wenige Minuten später hielten wir in Mockava (nein, nicht Москва́/Moskwa) und mussten den Zug verlassen. Der Bahnhof war mitten in der Natur und bestand aus einem leeren Bahnhofshäuschen und dafür viel zu vielen Gleisen. Die Lok der polnischen PKP koppelte ab und fuhr am Zug vorbei auf die andere Seite, um die Rückfahrt vorzubereiten. Währenddessen näherte sich auch schon der Anschlusszug der litauischen Bahngesellschaft LTG Link, mit dem wir weiterfuhren – auf Gleisen russischer Spurbreite. Der Wagen wirkte von innen riesig und ich fragte mich, ob es auch einen größere russische Wagenhöhe gab.

Umstieg in Mockava in die litauische Bahn

Auch auf meiner Weiterfahrt war der Service prima: Getränke konnte man beim Personal bestellen und sie wurden gebracht – und ich zahlte nun meinen Cappucino wieder in Euro. Mit der litauischen Sprache habe ich mich bisher nicht ausgiebig beschäftigt, so klangen die Unterhaltungen des Zugpersonals ähnlich denen der polnischen Gäste. Ich war deshalb kurz überrascht, als bei der Bestellung der Getränke am Nachbartisch plötzlich auf englisch gewechselt wurde.

Ich hatte in Kaunas ein Hotelzimmer und keine Kapsel gebucht und ließ dort nur kurz mein Gepäck, um mir anschließend noch die Stadt bei Tageslicht anzuschauen; durch die weitere Fahrt nach Osten hatte ich nur anderthalb Stunden Zeit bis zum Sonnenuntergang. Mein Weg führte mich zunächst auf einen Hügel zu einer gigantischen weißen Kirche der Christi Auferstehung, von deren Dachterasse man einen schönen Blick auf die Neustadt hat. Wieder unten angekommen, ging ich zur Mündung der Neris in die Memel, wo sich die Altstadt und die Burg Kaunas befindet. Weite Bereiche waren verschneit und die Flüsse vereist – ich war also wieder im Winter angekommen.

Burg Kaunas bei Abendstimmung

Umso mehr freute ich mich, dass ich nach der Rückkehr ins Hotel noch die Sauna besuchen konnte, bevor ich mich auf den Weg in ein weiteres Restaurant machte, um Cepelinai zu probieren.

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