Dadurch, dass ich am vorherigen Tag recht früh zu meiner Tagestour nach Vilnius aufgebrochen und abends erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückgekehrt bin, hatte ich Kaunas nur am Tag zuvor bei Tageslicht besuchen können. Ich entschloss mich daher, vor meiner Abreise noch ein weiteres Mal in Richtung Altstadt zu gehen, hatte ich doch im Reiseführer von einem Aussichtspunkt gelesen, von dem aus man einen schönen Blick auf das Stadtzentrum haben sollte. Die Straßen waren gegen 08:30 Uhr wie leergefegt, denn es war Sonntag. Einige Cafés hatten zwar geöffnet, aber um diese Uhrzeit hielt sich dort außer dem Personal ebenfalls niemand auf. Nur ab und zu begenete ich einer joggenden Person (um mal das Wort Jogger:in oder JoggerIn oder Jogger/-in zu vermeiden). Als ich durch eine Straßenunterführung ging, traf ich jedoch überraschenderweise auf mehrere Menschengruppen, die unter Tage an den dort geöffneten Blumenständen Schlange standen. Es war Weltfrauentag und vielleicht wollten die Kaufenden (hm, es waren nur Männer, wie kann man das denn jetzt ausdrücken?) ihn auf diese Weise feiern?
Die Aussichtsplattform befand sich neben dem oberen Ende einer kleinen Standseilbahn, die saisonbedingt geschlossen war. Der Blick auf Kaunas war wirklich schön und besser als von vor der Basilika zwei Tage zuvor. Für den Rückweg zum Hotel wählte ich den Fußweg direkt neben der Memel, denn dort war es sonnig und windgeschützt und es fühlte sich sogar neben den vereinzelt auf dem Wasser treibenden Eisschollen wie zuletzt in Hamburg nach Frühling an.
Während der Zugfahrt zum Umsteigebahnhof Šiauliai bildete ich mich ein wenig geschichtlich weiter und war verblüfft, was mich an meinem nächsten Ziel erwartete. Klaipėda gehörte früher zum Memelland in Ostpreußen und war offenbar insgesamt über 500 Jahre lang deutsch, eine lange Zeit. Vielen mag das bekannt sein, aber ich hatte seinerzeit im Geschichtsunterricht vermutlich nicht auf eine nachhaltige Art aufgepasst und verbinde mit Ostpreußen im Wesentlichen nur Königsberger Klopse und Tilsiter Käse – und auch das erst, seitdem ich erfahren habe, dass diese Städte dort lagen. Eins der Wahrzeichen Klaipėdas ist allerdings die Statue vom „Ännchen von Tharau“ – die wiederum kannte ich von einer Männerchor-Schallplatte meiner Großmutter, eigentlich ein wirklich schönes Lied, wie ich mittlerweile finde. Aber ich schweife ab.

Nach Umsteigen in Šiauliai und der Weiterfahrt zu meinem Ziel war ich gespannt, wie „deutsch“ ich Klaipėda wahrnehmen würde. Die Zugfahrt endete dort und ich stieg zusammen mit allen anderen Fahrgästen aus, darunter viele Frauen mit einem Blumenstrauß in der Hand. Gleich in der Nähe des Bahnhofs auf dem Weg zum Hotel entdeckte ich ein erstes Zeichen: Ein Firmenschild mit den Namen „Die Fabrik“, es gehörte zu einem Frisör. Ein wenig weiter dann ein altes Metallschild an einer Hauswand, was auf eine historische Heimatzeitung mit dem Namen „Memeler Dampfboot“ hinwies. Im Gebäude befand sich jetzt ein Chinarestaurant.

Nach dem Einchecken im Hotel beschloss ich erneut, bei Tageslicht einen Stadtbummel zu machen. Die Altstadt fand ich zwar nett, aber ich bin nicht aus allen Wolken gefallen: Einige Häuser sahen noch ein wenig verfallen aus, andere wurden saniert und in einigen neu verputzten befanden sich Läden wie Yogaschulen oder Kochstudios. Vielleicht war ja das durchgehend erhaltene Kopfsteinpflaster das, was die Altstadt mit auszeichnet? Wenn die vielen Baustellen in ein paar Jahren verschwunden sein werden oder im Sommer, mag der Eindruck nochmals ein wenig anders sein. Im Internet wurde noch eine sanierte Passage als sehr charmant beschrieben, die „Friedrichpassage“ – sie sah tatsächlich hübsch aus mit restaurierten Häusern, teils mit Fachwerk, in denen es unter anderem ein italienisches Restaurant und ein Tattoo-Studio gab. Mein Weg führte mich weiter zur wiederhergestellten Memelburg am Hafen (jetzt Burg Klaipėda), aber obwohl ich zeitlich rechtzeitig da war, fiel ein Besuch leider aus, denn laut Schild am Kassenhäuschen hat das Museum am Sonntag und Montag gar nicht geöffnet – das Schild hing allerdings recht schief und auch ein Blick durch das Fenster nach innen ließ mich eher vermuten, dass es saisonbedingt geschlossen war.

Ich hatte somit noch etwas Zeit, die Sauna des Hotels zu besuchen. Auf dem Weg zurück bemerkte ich, dass sich direkt neben meiner Unterkunft eine Bar mit dem Namen „Kiss“ und ein Casino namens „Torpedo“ befand – und im Kellergeschosses des Hotelgebäudes einen „Gentlemen’s Club“, der zwischen Mitternacht und 6:00 Uhr morgens geöffnet hat. Ich bekam erst ein leicht befremdliches Gefühl ob meiner Unterkunftswahl, allerdings ist Klaipėda nunmal Litauens größte Hafenstadt und beherbergt vermutlich einige Seemänner – und die Reeperbahn in Hamburg ist da nicht so dezent. Deswegen gibt es vielleicht auch Bedarf nach Tattoostudios.
In der Sauna des Fitnessstudios, die ich als Hotelgast kostenlos besuchen durfte, herrschte reger Betrieb – sie war zwar klein, aber dafür schon mit ein paar Menschen recht voll. Da sie keinen Wellnesscharakter hatte, unterhielten sich die anderen Leute laut und ich versuchte vergebens, etwas zu verstehen. Lediglich die Worte Ukraina, Drona, Soldata, Dubai kamen mir bekannt vor. Sie riefen mir die politische Weltlage ins Gedächtnis und ich stellte fest, dass ich seit ein paar Tagen gar keine Nachrichten mehr gelesen hatte.
Anschließend ging ich noch etwas essen, dieses Mal mit Hilfe eines Chatbots: Ich habe auch nach Erfahrungsberichten von Freunden festgestellt, dass sie für die Reiseplanung eigentlich ganz gut geeignet sind, denn in dem Bereich funktionieren sie meiner Meinung nach eigentlich so wie Google vor 20 Jahren: Die Antworten, die man bekommt, passen zu dem, was man sucht, und sie ersparen einem aufwändigeres Recherchieren. Ich hatte nach einem Restaurant in der Altstadt gefragt, in dem man litauische Spezialitäten bekommen kann – und zwar etwas außer Cepelinai, denn die hatte ich ja bereits probiert. Mir wurde eins empfohlen mit dem Vorschlag, dort „Žemaičių blynai“ zu essen, nämlich typisch litauische gefüllte Kartoffelpfannkuchen. Dort eingetroffen stellte ich allerdings beim Lesen der Speisekarte fest, dass das Restaurant sie nur zwischen 12 Uhr mittags und 6 Uhr abends anbietet. Mangels einer Auswahl an bezahlbaren Alternativen bestellte ich mir dann ein Wiener Schnitzel.

