Mein Reiseplan heute sah einen Tagesausflug nach Vilnius vor, konnte ich doch so zwei Nächte am Stück im gleichen Hotel in Kaunas übernachten. Der in etwa stündlich fahrende Intercity fuhr pünktlich los und durchquerte bald schneebedeckte Felder. Ich erfreute mich zunächst kurz des Anblicks, bis mir einfiel, dass wir in diesem Jahr in Deutschland mehr als genug davon hatten. Die Fahrt verging schnell, so dass mich Vilnius gegen 10:00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein empfing. Da ich erneut ein Ticket für die 1. Klasse gebucht hatte (es kostete nur 3 Euro mehr) und zudem meine Fahrt länger als eine Stunde dauerte (um genau zu sein zwei Minuten), durfte ich die VIP-Lounge von LTG besuchen und versorgte mich dort mit einem Kaffee.
Die Stadt sollte der östlichste Punkt meiner Reise sein, von dort aus sind es weniger als 200 km nach Minsk. Es fahren offenbar mehrfach täglich Busse, die laut Plan allerdings ca. 5 Stunden brauchen, vermutlich aufgrund der Grenzüberquerung.
Mein Spaziergang durch das Tor der Morgenröte in die Altstadt ließ mich schon bald viele Reisegruppen passieren. Die durch die Altstadt verlaufende malerische Pilies-Straße füllte sich.

Ich schlenderte weiter bis zur Kathedrale und dem angrenzenden Burgberg und traf dort auf viele Zelte, in denen man Kleidung und Essen kaufen konnte. Dachte ich zunächst noch, dass in Vilnius wohl am Samstag Wochenmarkt sei, so stieß ich bald auf eine Bühne, mehrere Bands, die auf dem Kathedralenplatz volkstümliche Musik spielten, und auf noch mehr Leute. Oben auf dem Burgberg angekommen, genoss ich die sonnige Aussicht über die Stadt und fragte mich, ob an diesem Tag in Vilnius ein besonderes Ereignis stattfand – und in der Tat ergab meine kurze Recherche, dass ich zufällig das Wochenende gewählt hatte, an dem das Kaziuko Mugė – Fest gefeiert wird. Von oben konnte ich sehen, dass Buden ebenso den Rand des Gediminas Boulevards (die „Prachtstraße“ der Stadt) säumten, und zwar so weit ich blicken konnte.

Wieder unten angekommen, gelangte ich an das Flüsschen Vilnia, das sich am Burgberg entlang schlängelt und an dem diverse Leute auf die andere Seite schauten und auf irgend etwas zeigten. Es dauerte ein wenig, bis ich verstand, was sie meinten – aber dann entdeckte auch ich einen Otter, der emsig im Wasser schwamm und ab und zu ans Ufer ging und irgend etwas tat.

Mein Weg führte mich weiter zunächst in die Kathedrale, in der gerade die Mittagsmesse gehalten wurde, und dann weiter den Gediminas Boulevard entlang. Einige Leute gingen kostümiert neben mir und an den Essensständen ging es kaum vorwärts, da sich an jedem eine lange Schlange gebildet hatte. Die Buden wiederholten sich irgendwann und ich sah wieder die gleichen angebotenen Dinge: Bernsteinschmuck, Keramik, Holzsouvenirs, Kerzen, Seifen, Tinginys (die litauische Variante vom „kalten Hund“), Speck, kleine Brotkringel an Schnüren (Kaziuko baronkos, offenbar eine Spezialität des Festes), Tornado-Kartoffeln, Gegrilltes, Gewürze. Auffällig waren die vielen Einheimischen, die sich an Holzstielen kunstvoll gesteckte Trockenblumen kauften. Ich las nach, dass es „Verba“ waren, „Osterwedel“ aus der Gegend, die am Palmsonntag geweiht und anschließend als Glücksbringer zu Hause aufgehängt werden. Da ich aber nur noch im Schneckentempo vorankam, beschloss ich, ein wenig abseits des Trubels zurück zur Altstadt zu gehen und stellte kurz danach fest, dass jemand meinen Rucksack geöffnet hatte. Glücklicherweise war aber alles noch da – es war zwar mein Laptop darin, aber den hätte man aufgrund seiner Größe und Lage hinten am Rücken nicht unauffällig entnehmen können. Dennoch band ich nun die Ösen der Reißverschlussschieber mit Riemen am Rucksack fest und machte mich auf den Weg zur Markthalle, um mich zu stärken.

Leider fand ich die Auswahl ein wenig enttäuschend, es gab nur ein paar sehr überteuerte Stände, deren Zielgruppe wohl eher typische Sylturlauber sind. Außerdem war es dort drinnen zu warm und zu schattig, so dass ich wieder zurück in die Altstadt ging, um bei einem der vielen „Caffeine“-Filialen zu halten, der litauischen Starbucks-Variante.
Der Abschluss meines Rundgangs brachte mich durch die Literatengasse, an deren Wände Schriftsteller mit kleinen Kunstwerken geehrt wurden – die meisten kannte ich nicht, aber ich entdeckte Günter Grass anhand seines Portraits. Nach einem Abstecher in das Künstlerviertel Užupio machte ich mich mit vielen Reisegruppen langsam zurück auf den Weg zum Bahnhof, um meine Rückfahrt anzutreten. Die kleinen Gassen, durch die ich ging, trafen immer mal wieder auf kleine Plätze, an denen eine Kirche stand, manchmal sogar zwei direkt nebeneinander. In der Tat hatte ich das Gefühl, fast immer mehrere Kirchtürme sehen zu können und fühlte mich in dieser Hinsicht fast schon wie in Venedig.
Zurück in Kaunas angekommen, besuchte ich noch kurz einen Supermarkt. Ich hatte beschlossen, meine Restaurantbesuche für einen Tag zu unterbrechen und deckte mich so an Frischetheke und Salattresen für den Abend ein.

