Die Nacht in der Kapsel verlief ohne große Vorkommnisse, es schlief außer mir nur auch mein Arm auf der zu weichen Matratze ein und weckte mich dadurch mehrmals in der Nacht. Mit einem im Preis inbegriffenen Kaffee machte ich mich morgens auf den Weg zurück zum Bahnhof, um meine Reise fortzusetzen. Auf meinem Weg traf ich auf weitere Leute mit Reisegepäck – unter anderem eine Gruppe von drei Männern mit einem Jutebeutel, aus der eine Flasche Wasser, ein Kaffeebecher, Badelatschen und eine halbvolle Flasche Whisky herausragten. Ich fragte mich, was er sonst noch in seinem Koffer mit sich tragen würde, eigentlich hatte er ja schon alles dabei!

Meine Fahrt im IC der polnischen Bahn PKP gen Osten brachte mich nun langsam in die Nähe der Ostgrenze der EU. Wir hatten einen längeren Aufenthalt in Białystok (nein, nicht Владивосто́к/Vladiwostok) und hielten erneut in Sokółka, gut 10 km entfernt von der Belarusischen Grenze. Anschließend fuhr der Zug allerdings auf ein Gleis, was nach Norden abbog, und ich konnte auf der Haupttrasse gen Osten nur noch einige Kolonnen mit Tankwagen erblicken. Ob sie noch Öl transportieren? Gibt es ein Embargo auch von Belarusischem Öl? Ich wusste es nicht.
Der Zug rumpelte weiter und die Fahrt blieb spannend, denn wir näherten uns dem Suwalski Korridor, der 60km schmalen Landesgrenze zwischen Polen und Litauen. Wir fuhren durch hügelige Felder und Wälder und ich sah anhand einer zunehmenden Anzahl an Schneefeldern in schattigen Waldabschnitten, dass es der Frühling noch nicht ganz bis hierher geschafft hat.

Nach einem letzten polnischen Bahnhof konnte man den Grenzübergang nach Litauen ohne Hilfsmittel bis auf ein paar Meter genau deutlich bestimmen: Das Rumpeln der Waggons war auf einmal weg, wir fuhren leise weiter. Ich bildete mich im Internet fort und verstand irgendwann den Unterschied zwischen gelaschten und geschweißten Schienenstößen.
Wenige Minuten später hielten wir in Mockava (nein, nicht Москва́/Moskwa) und mussten den Zug verlassen. Der Bahnhof war mitten in der Natur und bestand aus einem leeren Bahnhofshäuschen und dafür viel zu vielen Gleisen. Die Lok der polnischen PKP koppelte ab und fuhr am Zug vorbei auf die andere Seite, um die Rückfahrt vorzubereiten. Währenddessen näherte sich auch schon der Anschlusszug der litauischen Bahngesellschaft LTG Link, mit dem wir weiterfuhren – auf Gleisen russischer Spurbreite. Der Wagen wirkte von innen riesig und ich fragte mich, ob es auch einen größere russische Wagenhöhe gab.

Auch auf meiner Weiterfahrt war der Service prima: Getränke konnte man beim Personal bestellen und sie wurden gebracht – und ich zahlte nun meinen Cappucino wieder in Euro. Mit der litauischen Sprache habe ich mich bisher nicht ausgiebig beschäftigt, so klangen die Unterhaltungen des Zugpersonals ähnlich denen der polnischen Gäste. Ich war deshalb kurz überrascht, als bei der Bestellung der Getränke am Nachbartisch plötzlich auf englisch gewechselt wurde.
Ich hatte in Kaunas ein Hotelzimmer und keine Kapsel gebucht und ließ dort nur kurz mein Gepäck, um mir anschließend noch die Stadt bei Tageslicht anzuschauen; durch die weitere Fahrt nach Osten hatte ich nur anderthalb Stunden Zeit bis zum Sonnenuntergang. Mein Weg führte mich zunächst auf einen Hügel zu einer gigantischen weißen Kirche der Christi Auferstehung, von deren Dachterasse man einen schönen Blick auf die Neustadt hat. Wieder unten angekommen, ging ich zur Mündung der Neris in die Memel, wo sich die Altstadt und die Burg Kaunas befindet. Weite Bereiche waren verschneit und die Flüsse vereist – ich war also wieder im Winter angekommen.

Umso mehr freute ich mich, dass ich nach der Rückkehr ins Hotel noch die Sauna besuchen konnte, bevor ich mich auf den Weg in ein weiteres Restaurant machte, um Cepelinai zu probieren.