11.03.2026: Riga

Der Aufenthalt im Hotel in Riga war anders als meine vorherigen Übernachtungen, denn ich hatte aus Gründen, die ich nicht mehr erinnerte, ein Zimmer mit Frühstück gebucht – vermutlich, weil es bei allen Buchungen mit inbegriffen ist, denn ich wurde beim Betreten des Frühstückssaals nicht nach meiner Zimmernummer gefragt. Es war nicht sehr viel los und mir fielen vor allen Dingen die vier großen Bildschirme an den Wänden auf, die ein animiertes Motiv mit Jugenstilhäusern, flatternden bunten Schmetterlingen und dem Eiffelturm im Hintergrund zeigten.

Ich stellte fest, dass sich die Wettervorhersage zu meinen Gunsten geändert hatte und es mittlerweile erneut sonnig sein sollte. Ich beschloss deshalb, mir Riga erneut von draußen anzuschauen und wollte zunächst zum Fernsehturm auf der Haseninsel spazieren. Ich passierte erneut die Hallen des Zentralmarkts, vor denen ein Straßenmusiker mit einer Geige gerade „Brother Louie“ von Modern Talking geigte.

Die Haseninsel ist eine von zwei Inseln in der Düna neben der Altstadt und sie ist über die Inselbrücke zu erreichen. Auf ihr befindet sich neben dem Fernsehturm auf der einen Seite nur die Fernsehsendeanstalt auf der anderen. Der Rest ist unbebaut. Die Atmosphäre dort war ein klein wenig gespenstisch, denn die Wege dort wurden von Bussen, Autos und Taxis als Parkplatz genutzt – ich passierte also viele Wagen, die dort einzeln herumstanden, und in denen jemand saß. Auf den angrenzenden Eisflächen auf der Düna sah ich entfernt mehrere alte Autoreifen herumliegen und kurz vor dem Erreichen des Fernsehturms sah ich ein Auto immer wieder einen kleinen Hügel herauffahren und ihn anschließend wieder rückwärts hinabrollen. Ich erinnerte mich, dass ich in meinem Reiseführer gelesen hatte, dass die Insel von Fahrschülern zum Üben genutzt werden darf und in der Tat war auf das Dach des Autos ein kleines Schild mit einem „M“ montiert worden, was vermutlich „Fahranfänger“ oder so bedeuten soll.

Der Fernsehturm selbst, das wusste ich, war noch nicht wieder für Besucher geöffnet, denn die Umbaumaßnahmen sollen noch ein paar Jahre dauern. Dennoch war er beeindruckend hoch – schließlich ist er der derzeit höchste Fernsehturm der Europäischen Union und ein paar Zentimeter höher als der in Berlin. Man gelangte allerdings noch nicht einmal an das Gebäude, denn das Gelände war weiträumig umzäunt. Insofern ging ich wieder zurück zur Inselbrücke und streifte einen Disk-Golf-Park, der zwar bereits geöffnet hatte aber leer war.

Die Haseninsel in der Düna mit dem Rigaer Fernsehturm, dem höchsten der EU

Auf der Westseite der Düna flanierte ich nordwärts am Fluss entlang in Richtung Altstadt und hatte mehrere Male das unmittelbare Gefühl, in Hamburg zu sein, denn es gab viele Ähnlichkeiten: Die Eisenbahnbrücke über die Düna sah aus wie die alten Elbbrücken, der Turm der Petrikirche in der Altstadt ähnelte sehr dem der Hamburger Katharinenkirche und die Hallen des Zentralmarkts wirkten aus der Ferne so wie der Hamburger Großmarkt. In der Altstadt, die ich schon am Tag zuvor besucht hatte, wollte ich nun auch einige Sehenswürdigkeiten von innen anschauen, auch wenn noch immer die Sonne schien. Das Innere des Doms und der Petrikirche sahen für mich aus wie typische Gotteshäuser, aber mir fielen die alten Tafeln an den Säulen auf, auf denen in verschnörkelter goldener Schrift deutsche Texte zu lesen waren. Ich hatte in der Zwischenzeit mitbekommen, dass der „Deutsche Orden“ im späten Mittelalter nicht nur in Ostpreußen die Gegend geprägt hat: Die Stadt Riga wurde maßgeblich von einem Bremer Bischof gegründet.

Ich hatte noch ein wenig Zeit und beschloss, das lettische Okkupationsmuseum zu besuchen, das vor nicht allzu langer Zeit wieder am Rathausplatz eingezogen war. Es berichtete vom Zeitraum der lettischen Besetzung durch die Sowjetunion und Nazi-Deutschland von 1940 bis zur Unabhängigkeit 1991. Die Schilderungen und Fotos dort zeigten viele Grausamkeiten, die den Letten (und vermutlich auch den Bewohnern anderer baltischer Staaten) in der Zeit angetan wurden – und es musste für die Bevölkerung damals vermutlich nur schwer zu ertragen gewesen sein, erst von den Sowjets durch die Folgen der geheimen Zusatzvereinbarung des Hitler-Stalin-Pakts eingenommen worden zu sein, zwei Jahre später dann von den Nazis und nach Ende des Krieges wieder durch die UdSSR, jeweils verbunden mit Gräultaten wie Massenhinrichtungen der lettischen Juden und Massendeportationen in sibirische Gulags.

Mit gemischten Gefühlen ging ich anschließend, mittlerweile bei bedecktem Himmel, zu einer Bar, die ich am Tag zuvor zufällig entdeckt hatte, denn meine OpenStreetMap-Karte zeigte dort einen öffentlichen Weg zu einem Innenhof an. Es war eine „Schokoladen-Bar“, in der man neben den üblichen Getränken eines Cafés auch feine alkoholische Drinks bestellen konnte und die eine große Auswahl an unterschiedlichen Trüffelpralinen anbot. Die Räumlichkeiten waren dunkel gehalten, es brannten viele Kerzen auf den Tischen und aus den Lautsprechern tönten dezent barocke Klänge von Vivaldi – sehr stimmungsvoll. Beim Kellner in traditioneller Kleidung bestellte ich eine heiße Schokolade und drei vorzügliche Trüffelpralinen.

Anschließend musste ich zurück zum Hotel, denn ich hatte mir einen Zeitslot im Wellnessbereich reserviert. Er bestand aus einer Sauna, einem Dampfbad und – so etwas kannte ich bisher nicht – einem „Cold Tub“ mit Massagedüsen und angezeigten 21°C Wassertemperatur. Vermutlich war er irgendwann mal ein „Hot Tub“ und wird mittlerweile einfach nur nicht mehr geheizt. Während meines Besuches dort betrat noch ein anderer Gast den Bereich, aber ich hatte den Eindruck, dass die Dame ein wenig enttäuscht war und bekam mit, dass sie alle paar Minuten zwischen Sauna, Liege und Whirlpool wechselte, in letzterem ein paar Mal tief Luft holte und nach einer guten Viertelstunde wieder ging. Wieder in meinem Zimmer angekommen, stellte ich fest, dass der Zimmerservice nicht dort gewesen ist – aber mir fielen auch die grünen Hinweisschilder auf den Fluren ein, die mit der Überschrift „Go Green“ beschrieben, dass aus Umweltgründen die Zimmer nur alle zwei Tage hergerichtet werden. Ich fragte mich, warum sie die Umwelt nicht noch mehr schonen wollten und den Zeitraum auf drei oder noch mehr Tage ausgedehnt haben, aber ich konnte mir vorstellen, dass sich das Reinigungspersonal genau das nicht wünscht.

Abends besuchte ich eine Filiale der beliebten „Lido“-Restaurantkette, in der es lokale Spezialitäten gab, allerdings in Form eines Selbstbedienungsrestaurants. Ich hatte schon einige Filialen auf meinen Wegen durch die Stadt vorher gesehen und hoffte nun, dass ich dort „Graue Erbsen mit Speck“ finden würde, ein laut meinem Reiseführer typisch lettisches Gericht. Das war leider nicht der Fall – einen Besuch war es dennoch wert.

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Kategorisiert als 2026

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