10.03.2026: Klaipėda – Riga

Wie bisher an jedem Tag meiner Reise hatte ich auch an diesem morgens einen Termin, diesmal den frühesten auf meiner Strecke. Mein Zug aus Klaipėda fuhr nämlich bereits um 07:30 Uhr ab. Auf dem Weg mit meinem Gepäck zum Bahnhof dachte ich über die vergangenen zwei Tage nach und fragte mich, was ich nun besonders deutsch an der Stadt fand. Nun, rückblickend kam mir die Altstadt mit ihren Gassen und dem Kopfsteinpflaster schon ein wenig vertraut vor. Ansonsten war es vermutlich die Fielmann-Filiale, an der ich erneut vorbeiging. Direkt vor dem Bahnhof sah ich eine Statue einer Frau mit einem Koffer in der einen und einem traurig aussehenden Jungen an der anderen Hand. Im Boden las ich auf deutsch einem Schild, dass die Szene den Titel „Abschied“ trug und die Statue von einem Verein der ehemaligen Memelländer aus Deutschland gestiftet wurde.

Zwei Mal rund am Horizont – Sonnenaufgang neben dem Zeltdach eines Klaipedaer Sportclubs.

Erneut musste ich in Šiauliai umsteigen, diesmal in den Zug nach Riga. Wieder blickte ich anschließend bei bestem Wetter auf verschneite Felder – die Gegend wirkte landschaftlich so, als könnte sie auch in zum Beispiel Niedersachsen liegen… dennoch wollte ich sie nicht als typisch deutsch bezeichnen. Nach einiger Zeit näherten wir uns der litauisch-lettischen Grenze und ich suchte nach Schildern, die ihren exakten Verlauf kennzeichneten. In der Tat huschte in einem Wäldchen eine schmale Schneise an mir vorbei mit einem weißen Pfahl als Markierung unweit der Gleise. Im selben Augenblick bemerkte ich wie auch schon bei meiner vorherigen Grenzüberquerung, dass das leichte Rumpeln des Zuges abgelöst wurde durch eine ruhige Weiterfahrt. Ich fragte mich, ob in Gegenrichtung die Ausführung der Schienenstöße auch entgegengesetzt umgesetzt wurde, sodass man stets im neuen Land leise empfangen wird.

Bereits um kurz vor 12:00 Uhr hielt der Zug in meinem Ziel Riga. Das Ende dieser Fahrt stellte eine kleine Cäsur dar: Durch die Tagestouren sowohl von Kaunas (nach Vilnius) als auch von Klaipeda aus (auf die Kurische Nehrung) blieb durch die frühe Abenddämmerung jeweils nur wenig Zeit zur Stadtbesichtigung. Gefühlt war ich also eigentlich ständig unterwegs in den letzten Tagen. Während des zweiten Reiseteils, so vermutete ich, würde diese Hektik fehlen.

Mein Zimmer im Hotel neben dem Bahnhof war bereits bezugsfertig und ich konnte einchecken. Durch die Wettervorhersage, die für den folgenden Tag einen leichten Wetterumschwung vorhersagte, ließ ich nur kurz mein Gepäck im Zimmer und machte ich mich gleich wieder auf den Weg in die Stadt, denn ich wollte sie so lang wie möglich bei Sonnenschein erkunden.

Mein Weg führte zunächst zur Akademie der Wissenschaften im Stadtteil „Moskauer Vorstadt“. Dieser Protzbau Stalins erinnerte mich an den Warschauer Kulturpalast, aber er beherbergte oben eine Aussichtsplattform, von der aus man einen guten Blick auf die Innenstadt haben sollte. In der Tat war der Blick nett und die Infotafeln interessant, las ich doch darauf, dass der im Süden liegende Fernsehturm zwischen 1979 und 1986 gebaut wurde. Demnach schien also in Riga erst wenige Jahre vor der lettischen Unabhängigkeit das Fernsehen eingeführt worden zu sein – aber vermutlich gab es aber vorher einfach an anderer Stelle Sendemasten.

Blick auf den Zentralmarkt und die Altstadt Rigas

Ich spazierte weiter zum nahegelegenen Zentralmarkt Rigas, der in fünf großen Hallen untergebracht ist. Gleich die erste Halle war dem Verkauf von Fleischwaren gewidmet und es gab allerhand Tierteile zu entdecken, die zu Hause vermutlich nur wenige Abnehmer gefunden hätten: Schweineköpfe, Schweineohren und lange fingerartige Dinger, aus denen Knochen herausguckten, bei denen ich aber keine Ahnung hatte, um was es sich handelt.

Im Rigaer Zentralmarkt

Weiter in Richtung Altstadt passierte ich wieder den Bahnhof und sah, dass sich südlich des Haupttrakts ein neues Gebäude im Bau befand, laut Schild das der „Rail Baltic“, die mit europäischer Spurbreite irgendwann mal eine schnelle Verbindung bis nach Warschau bereitstellen soll. Die Gleise endeten aber nicht weit entfernt direkt über dem Fluss Düna im Nirgendwo. Es wird also noch einige Jahre bis zur Fertigstellung dauern.

Die Trasse der geplanten „Rail Baltic“ (vorne) endet derzeit mitten über der Düna

Die Altstadt Rigas bestand aus kleinen Plätzen und Gassen, aus vielen Jugendstilhäusern und einigen Sehenswürdigkeiten. Eine davon war eine Statue der Bremer Stadtmusikanten – ein Geschenk der Partnerstadt Bremen. Direkt gegenüber befand sich ein gleichnamiges Restaurant, auf dessen Speisekarte ich neben Salaten, Burgern, Mozarella Sticks und anderen frittierbaren Dingen eine Spezialität entdecken konnte: Das „Bremer Stadtmusikanten“-Geschnetzelte nach Stroganov Art. Ich bekam Hunger, wollte aber wegen des schönen Wetters ungern drinnen sitzen. Die Restaurants hatten aber noch keine Tische draußen – so organisierte ich mir einen Snack in einem Supermarkt und machte Pause auf einem sonnigen Bänkchen.

Eins der Wahrzeichen Rigas: Die Bremer Stadtmusikanten

Anschließend spazierte ich weiter durch die Straßen und Parks entlang des Stadtkanals bis zur Freiheitssäule, die den Übergang in die Neustadt markierte. Durch Gassengewirr ging es zurück zum Schwarzhäupterhaus am Rathausplatz, einem weiteren Wahrzeichen Rigas. Auf dem Platz befand sich neben einer Roland-Statue auch eine runde Steinplatte mit einem kleinen stilisierten Tannenbaum darauf, der den ersten Weihnachtsbaum der Welt symbolisieren sollte. Ob der nun wirklich in Riga stand, wird man offenbar nicht mehr eindeutig belegen können.

Wer hatte den ersten Weihnachtsbaum? Riga beansprucht den Titel für sich. Im Hintergrund sieht man das Schwarzhäupterhaus.

Anschließend wurde es langsam dunkel. Durch mein frühes Aufbrechen und der Tatsache, dass ich an beiden Tagen zuvor abends essen war, versorgte ich mich im Supermarkt und beschloss, den langen Tag gemütlich enden zu lassen. Bei der Gelegenheit wollte ich nach alter Tradition lokales Bier als Souvenir kaufen, aber es war bereits nach 20:00 Uhr und in Lettland ist dann der Verkauf alkoholischer Getränke verboten – die Regale waren abgesperrt.

Sperrstunde im Supermarkt: Ab 20:00 Uhr ist der Verkauf von alkoholischen Getränken verboten
Veröffentlicht am
Kategorisiert als 2026

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert