09.03.2026: Tagesausflug zur Kurischen Nehrung

Auf den heutigen Tag hatte ich mich schon seit meiner Reiseplanung gefreut, denn er stand ganz unter dem Motto „Natur pur“. Auch motiviert von Fotos im WhatsApp-Status, die ich vor einigen Monaten gesehen hatte, wollte ich die Kurische Nehrung besuchen. Man kann sie sich vielleicht als eine Art östliches Sylt vorstellen, denn sie besteht aus einem schmalen Landstreifen mit Dünen, einer Seeseite (nicht Nordsee, sondern Ostsee) und einer ruhigen Wasserseite Richtung Festland (nicht Watt, sondern Haff). Auf ihr soll es gut ausgebaute Radwege geben – und einen lokalen Fahrradverleih hatte ich auch schon in Deutschland ausfindig gemacht. Der bot damals über seinen Online-Shop allerdings nur Räder für zwei Tage zum Ausleihen an. Auf eine Anfrage per E-Mail vor ein paar Wochen gab es schnell eine Antwort: Die Möglichkeit sei ein Fehler gewesen, das Buchungssystem sei nun korrigiert – die Radwege auf der Kurischen Nehrung seien noch nicht geräumt, die Verleihsaison würde erst später starten. Der Mitarbeiter des Fahrradverleihs hat mir nach Rückfrage allerdings gleich mit Hiweisen zu den lokalen Busunternehmen geholfen, sodass ich beschloss, mit dem Bus die Nehrung zu entdecken und zwei kleine Wanderungen zu machen.

Ohne meine Winterjacke, sondern nur einem T-Shirt und einem Hoodie darüber bekleidet, verließ ich morgens das Hotel in Richtung des alten Fähranlegers, um die Memel zu überqueren. Die Temperatur lag zwar nur knapp über dem Gefrierpunkt, aber die Sonne wärmte bereits ein wenig und ich hatte einen zweiten dünnen Pullover im Rucksack mit zum Unterziehen – hm, also eigentlich einen Pullunder. Es sollte heute tagsüber 12 °C warm werden und mit Winterjacke wäre ich da beim Wandern sofort ins Schwitzen gekommen. Mit mir auf der Fähre waren nur wenige Leute, denn es war die erste Überfahrt des Tages. Nach fünf Minuten in Smilkyne angekommen, wartete bereits ein Kleinbus, der mich mit über die Nehrung bis ins 50km entfernte Nida nahm. Aus dem Fenster konnte ich über viele Kilometer kein Haus, dafür aber ausgedehnte Kiefernwälder und dazwischen langgestreckte Sanddünen sehen. Die Gegend schien wirklich zum Motto „Natur pur“ zu passen und ich bedauerte ein wenig die Witterung, die mir das Erkunden per Rad nicht ermöglicht hatte. Andererseits habe ich Fotos dieser Gegend von vor anderthalb Wochen im Internet gesehen – demnach hätte ich bis vor wenigen Tagen noch nicht mal eine Wanderung machen können: Ich sah darauf meterhohe Schneeverwehungen und komplett zugeschneite Autos. Auch der Mitarbeiter der Fahrradvermietung erwähnte, dass es in diesem Winter so viel Schnee gab wie seit 15 Jahren nicht. Ich fragte mich, ob Schneesturmtief Elli auch hier wütete und wie es hier hieß.

Überfahrt über die Memel – mit nur wenigen Eisschollen in Ufernähe

Der Bus fuhr auf dem Weg nach Nida auch durch den Ort Juodkrantė, den ich mir als Station für den Nachmittag ausgesucht hatte und in dem ich geplant hatte, nach einer zweiten Wanderung die verbleibende Wartezeit bis zur Abfahrt des nächsten Busses in einem Café zu verbringen. Als wir daran vorbei fuhren, sah ich allerdings, dass es geschlossen hatte, so wie auch die anderen Cafés und Restaurants, die wir passierten. In Nida gab es allerdings zwei geöffnete große Supermärkte und ein kleines „Café Vero“ mit Wimpeln vor der Tür. Ich erkundigte mich dort nach der Gesamtsituation der öffentlichen Kaffeeversorgung in der Gegend und erfuhr, dass ich mich im einzig geöffneten Kaffeehaus der gesamten Nehrung befand, denn in Juodkrantė sei bis April noch alles geschlossen. Ich nahm die Aussage der Verkäuferin dankend zur Kenntnis, bestellte einen großen Café Latte mit Hafermilch, bezahlte ihn mit meiner Smartwatch und fühlte mich kurz wie ein König, bevor ich mich auf den Weg zur ersten Wanderung machte. Sie verlief von Nida aus nach Süden bis zur Parniddener Düne, dann quer über die Nehrung zur Ostsee, ein Stück nach Nordosten am Strand entlang und dann durch einen Wald zurück zum Kurischen Haff zu meinem Ausgangspunkt. Der Weg laut meiner Komoot-App hätte am Fuße der Düne um eine erste Landzunge gehen müssen, aber ich erkannte schon bald, dass es dort statt eines Weges nur Schilfrohr und Schnee gab und ich deshalb die Düne hinauf zu einer Alternative kraxeln musste. Die schattigen Stellen waren noch mit teils tiefen Schneefeldern bedeckt – sie hielten mein Gewicht aber fast immer, nur ab und zu gab der Schnee nach und ließ meine Beine wadentief einsinken. Danach gelangte ich auf sonnenbeschienene Teile der Düne und die Wege waren frei.

Aufstieg mit Einsinkmöglichkeit – am Besten hielten die Stellen, an denen vorher schon jemand erfolgreich ging

Etwas später hatte ich den südlichsten Punkt der Wanderung erreicht und rastete kurz mit einem Blick auf die nächste Landzunge im Süden. Sie begann in gut einem Kilometer Entfernung und gehörte schon zu Russland. Weiter Richtung Grenze hätte ich allerdings auch nicht gehen können, denn das Gebiet war abgesperrt mit einem Hinweis auf eine Wildtierschutzzone, deren Betreten in jedem Fall verboten sei. Es muss allerdings ein Loch im Zaun gewesen sein, denn kurze Zeit später sah ich ein paar ganz eindeutig russische Rehe und ein eindeutig russisches Kaninchen vor mir flüchten. Ich war ein wenig verwundert über weitere Wegweiser, denn sie waren beschriftet mit den Namen „Death Valley“. Ich war mir eigentlich recht sicher, dass man normalerweise nach illegaler Überquerung einer Grenze eher verhaftet als gleich erschossen wird und es auch keine makabren Wegweiser gibt, fand aber später heraus, dass damit ein Kriegsgefangenenlager der Franzosen im Deutsch-Französischen Krieg Ende des 19. Jahrhunderts gemeint war.

Der Weg hinüber zur Ostsee verlief durch Dünen und Wälder, in deren Schatten auf dem Weg wieder Schnee lag, der das Vorankommen auf Dauer ein wenig beschwerlich werden ließ. Dafür begrüßte mich die Ostseeseite mit einem lauen Lüftchen und sanftem Meeresrauschen. Dementsprechend kam ich danach gut voran und hatte dann in Nida noch Zeit, mir einen zweiten Café Latte für die Zeit nach der Wanderung in Juodkrantė zu bestellen, denn ich sollte dort vor Ort ja keinen finden.

Beim Besteigen des Busses stellte ich fest, dass ich den Namen meines zweiten Stopps vermutlich katastrophal ausgesprochen haben muss, denn der Busfahrer verstand nicht, wohin ich wollte, obwohl es auf der ganzen Nehrung nur 4 Orte gab – und in einem davon war ich bereits. Ich wusste aber, dass die Fahrt dorthin 4 Euro kosten sollte und gab ihm deshalb einfach passend mein Kleingeld. Daraufhin nuschelte er etwas, was ich nicht verstand, aber ich nickte und nahm Platz. Es muss wohl die richtige Aussprache gewesen sein.

Holzskulpturen auf dem Weg zum Hexenhügel

Am südlichen Ende von Juodkrantė angekommen, wanderte ich also erneut los, diesmal in einen hügeligen Wald. Der Weg war schon von der Straße ausgeschildert und führte mich zum Hexenhügel. Im Sommer vermutlich ein leichter Spazierpfad, so war mein Vorankommen teils nur im Schneckentempo möglich, denn die Oberfläche des Untergrunds bestand aus einer Eisschicht mit vielen Pfützen aus Tauwasser – es war also teilweise wirklich rutschig. Für Ablenkung haben allerdings die vielen Holzstatuen am Wegesrand gesorgt, die lustige Fratzen zeigten und kleine Throne und Bänke verzierten.

Hier gibt es ihn auch, den Blocksberg

Nach ca. einer Stunde erreichte ich wieder die Ostsee bei Sonnenschein und ich genoss den zweiten Kaffee auf einem Bänkchen oberhalb des Strandes und konnte so die Zeit nutzen, um meinen Blog weiterzuschreiben. Anschließend ging ich noch für ein paar Minuten am Strand entlang in der Hoffnung, Bernstein zu finden, aber wie vermutlich die anderen Spaziergänger, die ich vorher beobachten konnte, verließ ich die Gegend, ohne reich geworden zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, hier nach einem Tag aufgewühlten Meeres fündig zu werden, ist aber wohl gar nicht so gering, denn die Gegend ist für ihren Bernsteinreichtum bekannt.

Ein lauschiges Plätzchen an der Ostsee lädt zum Verweilen ein

Nach kurzer Wartezeit auf den Bus am zugefrorenen Haff und Übersetzung über die Memel bin ich wieder in meinem Hotel in Klaipėda angekommen. Ich suchte ich mir anschließend ein neues Restaurant aus – diesmal ohne einen Chatbot, sondern mit Blick auf die Online-Karte. Ich entschied mich für eins in der Nähe des Hafens und warf einen Blick auf die Öffnungszeiten am Montag. Es sollte laut Homepage bis 22:00 Uhr geöffnet sein – und auf der Speisekarte fand ich lokale Spezialitäten ohne zeitliche Einschränkungen. Als ich dort angekommen war, musste ich aber feststellen, dass es geschlossen hatte. Ich setzte meinen Weg fort zu meiner zweiten Wahl, auch dort sollte es typische Teigtaschen geben. Ich wählte deshalb in der englischen Speisekarte „Fried Dumplings“ und bekam wenig später 13 frittierte italienische Tortellini serviert. Sie waren sehr lecker.

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